Es liegt in der Natur einer pathologischen Beziehung, dass in jeder Kleinigkeit bereits ein großes Drama steckt. In der Linkspartei ist das schon länger so. Neulich zum Beispiel wollten sich Parteivorstand und Bundestagsfraktion für eine Klausurtagung zum Thema Migration verabreden. Eine harmlose Sache, könnte man meinen. Aber in einer Partei im emotionalen Dauerstress reicht das bereits für einen Nervenzusammenbruch. Die Parteiführung wollte länger tagen, die Fraktionsspitze die Debatten möglichst kurz halten. Wütende E-Mails schossen zwischen den Büros hin und her, eine Einigung schien nicht in Sicht, bis man schließlich nach zähem Ringen einen Kompromiss präsentieren konnte: Man tagt nun von 14 bis 19.30 Uhr.

"Es ist alles nur noch zum Heulen", sagt ein Mitglied der Bundestagsfraktion. "Diese Partei macht mich krank", sagt ein anderes.

Zwischen den Lagern an der Partei- und Fraktionsspitze herrscht schon seit Längerem eisiges Schweigen. Die Parteichefin Katja Kipping und die Fraktionsvorsitzende Sahra Wagenknecht sind einander in tiefer Abneigung verbunden. Konflikte in Macht- und Strategiefragen werden zusammengerührt und ergeben ein giftiges Gemisch, das die Partei seit Monaten in einen Zustand der Bewegungslosigkeit versetzt. Bei acht Prozent liegt sie in den aktuellen Umfragen. Tendenz fallend.

Doch seit einigen Tagen herrscht in der Bundestagsfraktion Aufruhr. Die wenigsten glauben, dass sich Wagenknecht noch lange an der Fraktionsspitze halten kann. Offen werden die Mehrheiten für einen Abwahlantrag sondiert. Und hinter den Kulissen arbeiten selbst Wagenknechts einstige Unterstützer an einem System, für das in der antimilitaristischen Linkspartei gerade ein ziemlich offizierhaftes Wort kursiert: "Nachkriegsordnung".

Am Montagmittag sitzt der Mann, auf den nun viele blicken, in seinem Fraktionsvorsitzendenbüro und verschränkt die Arme vor der Brust. Dietmar Bartsch ist ein Veteran der Linken. Kaum einer weiß so gut wie Bartsch, wo die Schmerzgrenzen der Partei liegen. Und gerade scheinen sie erreicht zu sein. "So wie es jetzt ist, kann es nicht weitergehen", sagt er. "Denn unserer gesellschaftlichen Verantwortung werden wir im Moment nicht gerecht."

Bartsch ist der Anführer des sogenannten Reformerlagers, des ostdeutschen und regierungsaffinen Flügels seiner Partei, der in der Fraktion eine Schicksalsgemeinschaft mit den Wagenknecht-Getreuen bildet. Im sogenannten Hufeisen-Bündnis garantieren sich der Realo und die Ex-Kommunistin wechselseitig die Macht. Einer Meinung sind sie zwar selten, aber nur gemeinsam haben sie eine Mehrheit.

Doch Bartsch weiß, dass das Hufeisen in diesen Tagen zu zerbrechen droht – und dass es seine eigenen Leute sind, die auf diesen Bruch hinarbeiten. Zahlreiche Abgeordnete aus Bartschs Reformerlager haben es satt, dass die Fraktionschefin sich um die Fraktion kaum kümmert, sondern lieber um ihre eigenen Projekte.