Morgens um vier wache ich auf und spucke das Silikon-Ding angewidert aus. Meine Zunge fühlt sich taub und verbeult an. Der "Tongue Retainer", für 9,95 Euro aus China angeliefert, fliegt neben das Bett. Ist ja ekelhaft!

Allerdings zeigt ein Blick auf meinen Schlafmonitor, dass ich keine einzige Minute geschnarcht habe, solange ich das Ding im Mund hatte. Insofern war das ein erfolgreicher Test. Das fiese Gerät, das die Zunge aus dem Mund saugt und an einen Sadomaso-Knebel erinnert, unterbindet Schnarchen perfekt – und besser als alles, was ich bisher ausprobiert habe.

Ich bin ein Schnarcher. Wie peinlich, diese Mischung aus Unwillkürlichem, Unfeinem und Auffälligem. Wie unangenehm, denn der Schnarcher terrorisiert mit einem Knatterlärm die Liebste, die Kinder oder Gastgeber, Mitreisende im Zug, schlimmstenfalls sogar Nachbarn. Wie die meisten Schnarcher wüsste ich nichts von meinem nächtlichen Sägen, hätten es mir nicht ein paar Nahestehende gesteckt. Die konnten nicht schlafen, nicht mal mit Ohrstöpseln. Irgendwann wollte ich mit den Schuldgefühlen nicht mehr leben und beschloss, das Schnarchen abzustellen. Seitdem bin ich der Lösung auf der Spur. Dies ist ein Bericht von unterwegs.

Zunächst, so viel Wissenschaft muss sein, brauchte ich ein Mess- und Aufzeichnungsgerät. Das leistet heute jedes Smartphone. Die Londoner Firma Reviva Softworks Ltd zum Beispiel hat Snorelab entwickelt, eine Software, mit deren Hilfe jeder Krach im Schlafzimmer aufgezeichnet und bewertet wird. Bunte Diagramme zeigen am Morgen, ob und wann man leicht, laut oder gar "gewaltig" geschnarcht hat. Man kann sich, wenn man depressiv werden will, den nächtlichen O-Ton nachträglich anhören. Am besten aber exportiert man die Daten in ein Tabellenkalkulationsprogramm und schaut sich die Kurven an.

Mein mobiles Schnarchlabor liegt jetzt seit zwei Monaten neben dem Kopfkissen. Was es mir verrät, ist spektakulär: Schnarchanteil bis zu 75 Prozent! Lautes Schnarchen gern mal über 50 Prozent. Und in höchster Lautstärke dröhnt es sogar zehn Minuten lang in jeder Stunde. Oha! Der normale Schnarchbeiwert oder, wie man bei Reviva sagt, "snore score" liegt bei 20; mit über 100 gehört man zu den 15 Prozent der schlimmsten Schnarcher. Mein Wert erreicht in der Spitze 131.

Mein wissenschaftlicher Berater ist Josef Wirth. Er ist Schlafmediziner, betreibt seit 26 Jahren ein privates Schlaflabor und ist Gründer und Chef des weltweit einzigen Schnarchmuseums in Alfeld an der Leine. In seinem Museum findet man rund 400 Objekte, die allesamt den nächtlichen Frieden wiederherstellen wollen. Die erschlagende Vielfalt überflüssiger Tropfen, Salben, Elektroschockgeräte, und Zahnschienen sagt alles über den Leidensdruck der Betroffenen und ihrer Bettgenossen.

In einer der ersten Vitrinen des Museums liegt ein symbolischer Hinweis auf das älteste und am weitesten verbreitete Mittel gegen die nächtliche Ruhestörung: ein Stab, an dessen Ende ein kleiner roter Boxhandschuh sitzt. Name: "Schnarchstopper". Knuffen, Zischen, Stoßen, Nase zuhalten, Anschreien, Kitzeln – die Liste der ebenso gemeinen wie verzweifelten nächtlichen Attacken auf den im Grunde friedlichen Schnarcher ist lang. Meist ist das Ziel dieser Angriffe, den Schnarcher dazu zu bewegen, sich vom Rücken auf die Seite zu drehen, wo er hoffentlich eine Weile lang Ruhe gibt.

Dieselbe Strategie verfolgt eine weniger brutale, aber ebenfalls unangenehme Alternative – eine Kanonenkugel, angeblich aus dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Um dem Feind keinerlei Hinweise zu geben, wurde sie schnarchenden Soldaten in das Rückenteil ihres Hemdes genäht, was sehr zuverlässig Schluss machte mit der schnarchfreundlichen Rückenlage.

Doch was ist schlecht an der Rückenlage? Der Schnarchlärm entsteht, wenn sich beim Schläfer das Gaumengewebe entspannt und in den Rachen rutscht. Das kann für beengte Verhältnisse in den Atemwegen sorgen. Der Luftstrom wird dann wie in einem Musikinstrument kanalisiert, komprimiert und bringt Resonanzmaterialien zum Schwingen und Flattern. Im Fall des Schnarchens knattert unter anderem das Gaumensegel im Wind. Die Seitenlage schafft da etwas Platz.

"Auch wer nicht schlafen kann, schnarcht nicht"

Ich selber brauche keine Kanonenkugel. Ich bin eher der skrupulöse Typ. Folgerichtig liege ich so gut wie nie ganz entspannt auf dem Rücken. Schnarchangst beherrschte meinen Tiefschlaf schon vor diesem Test.

Zu meinem ersten gravierenden und durchaus triumphalen Einbruch in den verheerenden Snorelab-Messreihen kommt es, als ich einem Tipp aus dem Internet folge: Kopf hoch! Ich stecke unter das Kopfkissen zwei dicke Sofakissen. Die resultierende Schlafhaltung ist gewöhnungsbedürftig. Zitat aus meinen Notizen: "Schlecht geschlafen, gefühlt: überhaupt nicht. Störgefühle in Hals und Nacken, Kopfschmerzen, schlechte Laune. Aber ein snore score von 31!" Begeistert erzähle ich das meinem wissenschaftlichen Berater. Der Mann hat Einwände: "Nach ein paar Wochen müssen Sie zum Chiropraktiker." Statt der Kissen empfiehlt er, den kompletten Lattenrost am Kopfteil zehn Zentimeter aufzubocken. Hilfsweise benutze ich Bücher.

Der Erfolg ist eindrucksvoll und anhaltend. Durchschnitts-Score zu Testbeginn: 86. Nach Kopferhöhung: 59. Und die Frau neben mir behauptet, ich schnarche überhaupt nicht mehr. Ist das schon der Durchbruch? Das Messgerät ist anderer Meinung. Immerhin ist 59 immer noch das Dreifache des Schnarchbeiwertes bei Normalschläfern. Ich teste jetzt den "Tongue Retainer". Eine einseitig offene Silikonkugel wird zwischen Zähne und Lippen geklemmt. Die Zunge wird angesaugt und dabei aus dem Mund gezogen. Das Prozedere ist etwas unangenehm, die Frau findet die Schmatzgeräusche und die visuelle Entstellung fürchterlich – und Wirth lacht: "Am Morgen haben Sie eine Zunge wie ein Chow Chow und schnarchen immer noch."

Der erste Teil seiner Prophezeiung tritt schon bald ein. Doch der snore score: normal! Nur leider halte ich den Zungenrückhalter kaum zwei Stunden im Mund aus. "Auch wer nicht schlafen kann, schnarcht nicht", sagt mein Berater. Zwischenergebnis: Schlafstörung ist kein geeignetes Anti-Schnarch-Mittel.

Für 11,68 Euro wird ein kleines Päckchen geliefert, ein "Anti Schnarchen Kit". Darin zehn Nasenpflaster, wie sie Fußballprofis manchmal tragen. Eine froschgrüne Dose mit lauter winzigen Plastikkörbchen, die den stolzen Namen Nasendilatator tragen. Plus zwei Ohrenstöpsel für den Partner, falls es nicht klappt. Ohne jede Hoffnung weite ich meine Nüstern mit einem Nasenpflaster und stopfe die Nasenspreizer in die Nase. Ich sehe aus wie ein Frosch. Morgens eine Überraschung: alle Werte unverändert, aber "gewaltiges" Schnarchen nur ein Prozent. Offenbar ist dies ein hilfreiches Tool, wenn man die Schnarchspitzen reduzieren will.

Wie ist die Lage? Das schwabbelige Gaumengewebe ist einigermaßen im Griff. In der Nase ist Platz für mehr Luft. Und doch schnarche ich zuverlässig außerhalb der Norm. Es ist Zeit, die Sache gründlich anzugehen. Ein Stent muss her, um die Atemwege ultimativ zu weiten. Nastent ist neu auf dem Markt, eine japanische Erfindung. Ein Silikonschlauch, der durch die Nase so weit in den Gaumen geschoben wird, bis er neben dem Zäpfchen liegt. "Schnarchfrei in wenigen Tagen" verspricht der deutsche Händler.

Todesmutig schiebe ich die Plastikwurst in die Nase. Ich muss niesen. Weiter! Im Spiegel sehe ich, dass ich am Zäpfchen angekommen bin. Es würgt mich. Mengen an Schleim werden ausgestoßen. Ich schlucke wie blöd. Es ist eindeutig, was der Körper empfindet: Fremdkörper. An Einschlafen ist nicht zu denken. Als sich mein Gaumen nur noch nach Mandelentzündung anfühlt, ziehe ich den Schlauch aus der Nase. Der Leidensdruck muss hoch sein, um so was auszuhalten.

Ich bleibe also weiter auf dem Weg zur Schnarchlosigkeit. Was ich noch nicht ausprobiert habe: Didgeridoo-Blasen. Soll helfen, das Gaumengewebe noch besser zu kontrollieren. Und sonst? Na ja. Die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin sagt: "Ein erhöhtes Gewicht ist mit Schnarchen vergesellschaftet. Eine Reduktion des Körpergewichts bei allen übergewichtigen Betroffenen kann uneingeschränkt empfohlen werden." Ja, ja, das wäre ein echt sinnvolles Projekt. Allerdings eher längerfristig angelegt.

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