© Petra Bahr

Die Schuhe sind schuld. Schon an der Garderobe starrt der Mann mich an. Unten. An den Füßen. Später steht er neben mir mit dem Sektglas in der Hand. Er zögert, als müsste er sich ein Herz fassen. "Fragen Sie ruhig, was immer es ist", möchte ich ihm schon helfen. Der Abend steht im Zeichen einer guten Sache, und angesichts der Stadtgesellschaft, die sich um uns versammelt hat, wird die Neugier sich hoffentlich im Bereich von Stehtischgesprächen bewegen. "Sie sind also diese Landessuperintendentin." Seine Frage ist eine Feststellung, die auf Widerspruch wartet. Ich könnte antworten: "Nein, ich bin die Frau, die eigentlich aus der Torte auf dem Tisch springen soll." Sag ich natürlich nicht. Pastorin und Ironie, das verträgt sich nur im engsten Familienkreis. "Ja", sage ich, gebe ihm die Hand und stelle mich vor. Er reicht mir seine Hand, dann seine Karte und schiebt dann seinen Unglauben hinterher. Nein, nicht seine Gotteszweifel oder wenigstens seinen Ärger über den Zustand der Kirche, eine Äußerung des Papstes oder die missratene Trauerfeier. Das bin ich gewohnt.

Partygespräche sind oft die besten. Nathanael-Begegnungen im Schummerlicht, wo alles erlaubt ist, sogar ein Gespräch über den Tod. Aber nicht so früh. "Sie sehen gar nicht so aus", sagt mein Gegenüber. Ich schaue kurz auf meine Füße. Nein, die Schuhe sind nicht rot, und sie High Heels zu nennen wäre auch übertrieben. "Wie sehen Pastorinnen denn aus?", frage ich, jetzt doch wirklich interessiert. "Irgendwie grauer. Oder älter. Asymmetrischer Haarschnitt. Langer Ohrring, Holzkreuz. Haben Sie wirklich diese ganzen Sprachen studiert? Und glauben Sie wirklich an Gott?" Ich könnte ihn zurückfragen, wo wir schon bei einem Quizformat angelangt sind: "Haben Sie echt das zweite Staatsexamen und noch eine Doktorarbeit zuwege gebracht? Wie vertreten Sie den Rechtsstaat denn so?" Ich beiße mir auf die Zunge. Er zupft einen anderen Blaubeanzugten am Arm. "Guck mal, das ist diese Pastorin, die gleich referiert. Hätteste nicht gedacht, was?" Die beiden feixen. Zwei Männer mit schütterem Haar und vollem Selbstbewusstsein.

"Frau Doktor für Sie." Der Satz rast auf dem Weg zur Zunge mit vollem Karacho gegen die zusammengepressten Lippen. Seit Jahrzehnten gibt es Pastorinnen, Bischöfinnen auch schon seit einer Weile, in Hannover lange sogar eine ziemlich prominente. Trotzdem müssen Frauen sich rechtfertigen. Das erzählen Vikarinnen und gestandene Pastorinnen, Ärztinnen oder Richterinnen vermutlich auch. All die dämlichen Kalauer ("Trinken Sie bloß keinen Rotwein"), Machosprüche ("Verschreckt eine Frau im Talar nicht auf Dauer die letzten Männer in der Kirche?"), Giftsprüche ("Was sagt denn Ihr Mann zu so viel Ambition?") bis zu Fragen kompletter Unkenntnis: "Sind Sie so was wie eine Nonne?" Oder es gibt Filmtipps. An diesem Abend fünfmal der gleiche Hinweis. "Haben Sie schon die Serie über diesen Bischof gesehen? Exzesse, Macht und Totschlag. Sehr gut gemacht. Bei Ihnen im Pfarrhaus auch so?" Ich könnte mit Anwaltsserien kontern. Oder mein Weinglas nehmen, höflich nicken und gehen.