Die Fotos zu diesem Text stammen aus der Serie "The Buoyant Days" des dänischen Fotografen Morten Lau-Nielsen. Sie zeigen das Erwachsenwerden in Thorning, einer Kleinstadt in Jütland. © Morten Lau-Nielsen (aus der Serie "The Buoyant Days")

Lieber Papa,

vor etwa acht Jahren habe ich einen Brief von Dir erhalten. Der Brief stand in dieser Zeitung, ich habe ihn erst viele Jahre später gelesen. Du schreibst darin, dass Du Dir Sorgen machst: um mich, meine Schulausbildung, meine Zukunft. Du schreibst, dass Du fürchtest, mein Schulsystem, das G8, klaue mir ein Lebensjahr. Und mache mich und meine Mitschüler zu langweiligen Strebern.

Ich habe diesen Sommer Abi gemacht, und nun will ich Dir antworten. Ich will Dir zustimmen: G8 hat mir ein Lebensjahr gestohlen. Aber es hat mich und meine Mitschüler nicht zu Strebern gemacht. Im Gegenteil: G8 hat uns rebellisch gemacht. Ich will es Dir erklären, Papa.

Als 2008 an meinem Hamburger Gymnasium das "Turbo-Abi" eingeführt wurde, da wusste ich gar nicht so genau, was das bedeutet: "Abitur in acht Jahren". Wie auch, ich war ein Kind. Du hast versucht, es mir zu erklären. Hast mir von Deiner Schulzeit erzählt. Dass Du ein Jahr länger in die Schule gegangen bist als ich. Und insgesamt trotzdem weniger Schulstunden hattest als ich. Ich fand die G8-Logik unlogisch: ein Schuljahr wegnehmen und dafür mehr Unterricht in die anderen Jahre stopfen? Wie kommt man denn auf so was? Aber es hat gedauert, bis es bei mir ankam. Bis ich es gespürt habe.

Liebe Marie, erinnerst Du Dich noch an den Tag, an dem wir das letzte Mal im Kino waren? Wir sind alle zusammen mit dem Auto in die Stadt gefahren: Mama, Henri, Du und ich. Es war Sonntag – und wir beide saßen mit Karteikarten auf der Rückbank und haben gelernt. Wir hätten so viel Sinnvolleres tun können! Aber nicht mal an einem Sonntag ist es mir gelungen, Dich das Kind sein zu lassen, das Du sein solltest mit zehn Jahren. Bitte mach mir diesen Mist nicht nach, wenn Du erwachsen bist, Marie!

(Auszug aus dem Brief des Vaters)

Es war in der neunten Klasse, als ich gemerkt habe, dass etwas nicht stimmt. Die Mathelehrerin gab uns Arbeitsblätter mit dem Vermerk: "Für die zehnte und elfte Klasse geeignet". Wir, damals zumeist 14 Jahre alt, bekamen den Stoff vor die Nase, den vorher 15- bis 17-Jährige pauken mussten. Ich weiß noch, wie sehr ich mich darüber aufgeregt habe, auf dem Flur, jedes Mal, wenn meine Freundinnen und ich aus dem Klassenraum gegangen sind. Warum sich nicht wenigstens jemand die Mühe machte, diese Blätter zu überschreiben. Wenn schon eine Änderung, dann doch bitte auch richtig.

Von da an fand ich vieles unfair an G8: Dass Hausaufgaben über die Ferien aufgegeben wurden, obwohl das gar nicht erlaubt war. Dass Mitschüler, die in mehreren Fächern gleichzeitig Nachhilfe hatten, als Problemfall abgestempelt wurden, obwohl es für sie anders einfach nicht machbar gewesen wäre. Dass die Schule erwartet hat, dass wir Schüler das schon alles irgendwie schaffen, obwohl selbst die Eltern irgendwann ratlos über den Hausaufgaben saßen und kleinlaut zugeben mussten, dass ihnen das langsam zu viel wurde.

Mit jedem neuen Schuljahr wurde uns mit ernsten Mienen und Worten mitgeteilt, dass wir uns nun wirklich Mühe geben müssten. Schließlich bleibe uns nicht mehr viel Zeit bis zum Abitur. Ich habe da Angst bekommen. Wenn wir jetzt schon hinterher waren, wie würde das erst in der Oberstufe werden? Ich lag dann manchmal weinend im Bett, Papa, Du weißt das gar nicht. Aber ich hatte Angst, gar keine Zeit mehr für mich, meine Freunde und meine Hobbys zu haben.

Wenn ich zurückdenke, war das wohl das Motto unserer Schulzeit: Es bleibt keine Zeit. Wir haben das damals hingenommen, was sollten wir auch tun? Wir kannten es ja nicht anders. Wir hatten keinen direkten Vergleich. Und so ist es im Grunde immer noch, Papa: G9 ist uns fremd – und G8 Dir und den anderen Eltern.

Ich denke also zurück und überlege, wie es uns hätte gehen können, wenn uns mehr Zeit geblieben wäre. Wenn es für uns nicht so früh ernst geworden wäre. Und nicht so plötzlich. Vielleicht hätte ich mich dann noch mal am Klavier versucht, weil es doch immer so schön klingt, wenn jemand darauf spielt. Vielleicht wäre ich länger in den Reitstall gegangen, weil ich doch so oft geträumt habe, dass mir dort mein Lieblingspferd geschenkt wird. Vielleicht hätte ich auch öfter beim Theater mitgemacht, weil ich es geliebt habe, in verschiedene Rollen zu schlüpfen.

Wir haben Eure Lebensläufe begradigt wie die Flüsse. Wo wir uns noch treiben ließen, rauscht Ihr geradeaus durch. Es wäre schade, wenn dabei alles an Euch glatt geschliffen würde, wenn von Eurer Persönlichkeit nicht mehr viel übrig bliebe. Das hört sich sehr hässlich an, Marie, aber: Ich habe nicht nur Mitleid mit Euch als Kindern. Ich habe auch ein bisschen Angst vor Euch als Erwachsenen.