Neulich im Heimspiel gegen den SC Freiburg war bereits zu erkennen, dass Serge Gnabry Fußballspiele entscheiden kann. Für Bayern München. Der Verteidiger Rafinha spielte ihn rechts außen im Mittelfeld an, kreuzte seinen Weg, um dann die Seitenlinie entlangzusprinten – dort erwartete der Brasilianer den Doppelpass. Das wäre der übliche Spielzug gewesen. Der, den jeder Gegner kennt. Gnabry hatte einen anderen Plan. Er zog unvermittelt das Tempo an und brauste mit dem Ball am Fuß in den Strafraum. Dann feuerte er die Kugel entschlossen rechts unten ins Tor.

Das Spiel gewannen die Bayern nicht, wegen eines späten Gegentreffers, der fiel, als Gnabry schon ausgewechselt war. Doch die Szene zeigte, wer ein Nutznießer der diesjährigen Münchner Schwächeperiode sein kann. Wenn ein Umbruch im verblühten Kader wirklich schon eingeleitet ist, wie die Bayern-Offiziellen beteuern, dann symbolisiert ihn der 23-jährige Schwabe wie kein Zweiter. Gnabry, quasi ein Neuzugang, da ihn die Bayern nach seinem Jahr als Leihspieler für die TSG Hoffenheim jetzt erst in ihre Belegschaft integrierten, arbeitet unwillkürlich, aber unaufhaltsam an einer Zeitenwende. Denn die mannschaftsinternen Konkurrenten Franck Ribéry und Arjen Robben, die alternden Helden, werden im Gegensatz zu ihm nicht mehr besser.

"Ich war schon immer so", sagt er in einem Leipziger Hotel vor gut einer Woche zu seinem Solo gegen Freiburg. "Ich gehe gern ins Risiko, versuche, einen Weg zum Tor zu finden. Und wenn es nicht klappt, versuche ich’s noch einmal, nur anders." Er spricht ein bisschen gepresst, entspannt sich dann aber zu dieser Mittagszeit zwei Tage vor seinem vierten Länderspiel, dem Duell mit Russland. Joachim Löw wird nach dem 3:0-Erfolg "die Dynamik" im deutschen Spiel loben, die "Läufe in die Tiefe" in der ersten Halbzeit, den "Zug zum Tor". All das klingt wie die Beschreibung des Spiels von Serge Gnabry.

Der Mann kann Spiele auch für die Nationalmannschaft entscheiden. Löw wies ihm wiederholt den Part des beweglichen Stürmers im Zentrum zu, und der Neu-Münchner machte die Aufgabe zu seiner Paraderolle. Er forciert das Tempo in der deutschen Offensive, weil er ständig eine Anspieloption offeriert, im Sprint in freie Räume rennt, oft mit den Armen schon die gewünschte Passrichtung anzeigt. So lenkt er das Spiel, wenn er noch gar nicht am Ball ist. Oft lässt er sich zurückfallen, um den Ball mit nur einem Kontakt zu einem der Sturmpartner weiterzuleiten, läuft gleich wieder in Position für den Torabschluss oder bereitet anderen den Weg wie dem Mannschaftskameraden Timo Werner zuletzt gegen die Niederlande. Dann ist er Ballverteiler und Stürmer in einem. Seine Laufwege erinnern an die von Cristiano Ronaldo zu der Zeit, als der Portugiese noch schnell war.

"Kehrer schickt Gnabry", sollten die Reporter über den Spielzug zum Führungstor von Leroy Sané gegen Russland schreiben. Doch es war Gnabry, der den Abwehrspieler Thilo Kehrer mit seinem Lauf ohne Ball zu diesem Pass provozierte. Ähnlich war es bei Gnabrys Treffer zum 3:0 auf Zuspiel von Kai Havertz. Der sich freilaufende Mann erzwingt den Spielzug. Das macht den Fußball schnell.

Und so verkörpert Serge Gnabry auch in der Nationalmannschaft einen Neuanfang. Nicht nur, weil er jung ist. Eine Muskelverletzung kurz vor Ende der letzten Bundesligasaison, erlitten im Zweikampf mit einem Torwart, brachte ihn um die Teilnahme bei der Weltmeisterschaft. Er könnte jedoch zum Gewinner des Fußballjahres werden – trotz der verpassten WM. Oder gerade deswegen.

Unbelastet von den Krisen des deutschen Fußballs, rührt der Sohn eines ivorischen Einwanderers und einer schwäbischen Mutter in seiner imaginären Schüssel. Das "Cooking" ist sein Markenzeichen beim Jubel, wenn er seine Tore feiert – eine Geste, die er sich vom US-Basketballstar James Harden abgeschaut hat. Den nennen sie wegen der Löffelmarotte den Chefkoch. Gnabry pflegt gleichermaßen seine Lässigkeit in der Außenwirkung wie seine Disziplin als strebsamer Selbstoptimierer nach innen, im Verhältnis zu den Trainern und Betreuern.