Als es losgeht, hört es sich an, als würde ein Flugzeug starten. Der Motor der Pumpe rauscht und bläst die Luft in den Anzug. Sorgfältig gereinigte Luft. Eine Helferin schließt den Reißverschluss und überklebt ihn, keimsicher. Jetzt ist es noch lauter. Nichts Böses kommt mehr herein von draußen. Dafür ist auch die vertraute Welt verschwunden. Das Plastikvisier lässt die Wirklichkeit zu einer Nebelwolke verschwimmen. Und die Finger in den dicken Gummihandschuhen können kaum noch etwas fühlen. Man ist froh, als derart aufgepustetes Marsmännchen überhaupt ein paar Schritte gehen zu können, ohne umzufallen.

Dorothea Wiemer, Oberfeldärztin der Bundeswehr und Doktorin der Infektionsmedizin, hatte auf der Anprobe bestanden. Die Reporterin soll wissen, worüber sie schreibt. Es ist eine seltsame Erfahrung. Wiemer hat in diesem blauen Ungetüm schon Menschen versorgt, trotz der schlechten Sicht und der tauben Finger. Sie hat Blut abgenommen, ohne sich zu stechen. Hat den Bauch nach inneren Blutungen abgesucht. Hat es geschafft, den richtigen Weg für den Beatmungsschlauch zu finden. Ihre Patienten hatten das Marburg-Virus, Lassa-Fieber oder Ebola. Lebensgefährliche hämorrhagische Fieber, hochansteckende Krankheiten.

Diese Viren verbreiten sich über kontaminierte Flächen, und zwar so effektiv, dass schon einzelne Erreger krank machen können, die aus Versehen vom Handschuh in die Nase geraten. Die Gefahr ist extrem hoch: Die meisten Menschen, die an Ebola erkrankten, starben. Dieser ein Millimeter dicke Anzug ist wie eine zweite, unbeeindruckbare Haut. Er hält einem den Tod vom Leib.

Dorothea Wiemer richtet sich in ihrer weißen Uniform auf. Das Büro der 52-Jährigen liegt im Bernhard-Nocht-Institut auf St. Pauli, dem größten Institut für Tropenmedizin in Deutschland. Das Hamburger Bundeswehrkrankenhaus betreibt dort eine Außenstelle, die sich auf Tropenkrankheiten spezialisiert hat. Wenn der Ernstfall einträte, würde auch Wiemer gerufen werden. Nicht nur die gefürchteten hämorrhagischen Fieber, auch die meisten anderen Viren, die viele Menschen sehr schnell töten können, haben sich heute in die wärmeren Zonen der Erde zurückgezogen. Aber manchmal kommen sie von dort zurück, zum Beispiel mit dem Flugzeug.

Ende letzten Jahres, kurz vor Weihnachten, wäre es fast so weit gewesen: Auf Madagaskar war die Lungenpest ausgebrochen. Die Spezialisten saßen schon auf gepackten Kisten mit Marsmenschenanzügen, um am Flughafen Blut hustende Urlauber einsammeln zu können.

Ein anderes Szenario für Wiemers Einsätze wäre, dass die gefährlichen Pockenviren, die eigentlich ausgerottet sind, aus Forschungs- oder Biowaffenlaboren freigesetzt werden könnten – und dann dringend Gegenwehr erfordern. Und natürlich ein Grippevirus, das sich zu einer Super-Influenza entwickelt hat. Auch da würde Wiemer gerufen.

Wie erträgt man die Arbeit in dem Anzug? Bevor Wiemer antwortet, macht sie eine lange Pause. "Das ist wie tauchen", sagt sie. "Nur ohne schweben." Wiemer erzählt, wie sehr sie das Tauchen liebt: Hineinsteigen in den Neoprenanzug, Sauerstoffflaschen umbinden und hinabsinken ins Meer. Das Schnurren des Lungenautomaten, das Blubbern der Blasen. Und rundherum nichts als diese ewige, stille, tiefdunkelblaue Welt. "Da muss man sich auf das verlassen, was man noch sehen kann. Und auf die Geräte", sagt sie. Alles werde langsamer, dafür sei jede Bewegung genau überlegt. "Die Zeit bleibt stehen. Und ehrlich gesagt: So ähnlich fühlt sich das auch beim Arbeiten im Schutzanzug an. Wenn da nicht immer so ein furchtbarer Anlass wäre, wäre das gar nicht schlecht."