Stell dir vor, du bist Türkin, und plötzlich, über Nacht, schließt sich die Tür zur Türkei hinter dir, vielleicht für immer. Die Anwältin Seyran Ateş ließ ein Stück Leben zurück (ihre Fallakten, ihre Lieblingsschuhe, ihre deutschen Verdienstorden), als sie an einem Sommerabend des Jahres 2016 von Istanbul nach Berlin flog, nur für ein paar Tage. Das war der Plan. Denn ihre Mutter hat ein Häuschen in Istanbul, sie selber wollte regelmäßiger dort sein, auch um ein Anwaltsbüro zu eröffnen.

Nun sind es über drei Jahre, dass sie nicht in der alten Heimat war. Zu riskant, sagt der deutsche Staatsschutz. Denn kurz nach ihrer Landung in Berlin brach in der Türkei der Putschversuch los, der alle Kritiker des Präsidenten zu mutmaßlichen Putschisten machte. Würde Seyran Ateş heute in die Türkei einreisen, sie könnte wie so viele Türken verhaftet werden – oder auch nicht. Das ist die Willkür, die ein unfreies von einem freien Land unterscheidet und mit der ein vormundschaftlicher Staat seine Kritiker zu Staatsfeinden erklärt.

Seyran Ateş, geboren 1963 in Istanbul, aufgewachsen ab 1969 in Berlin, hat als Juristin deutschtürkische Frauen gegen gewalttätige Ehemänner verteidigt und als Frauenrechtlerin Kritik an repressiven Familienstrukturen ihrer Herkunftskultur geübt. Zugleich prangerte sie die Benachteiligung der "Gastarbeiter" an und klärte Migranten über ihre Rechte gegenüber der Mehrheitsgesellschaft auf. Später kämpfte sie erfolgreich für die doppelte Staatsbürgerschaft. Trotzdem traf sie im Jahr 2012 die Entscheidung, einen der zwei eigenen Pässe, nämlich den türkischen, zurückzugeben – aus Protest gegen Erdoğans freiheitsfeindliche Politik.

Wie schwer ihr der Bruch mit der Türkei fiel, gestand sie in einem Essay für die ZEIT unter dem Titel Ade, du mein lieb Heimatland: "Erdoğan und ich glauben an denselben Gott, gehören derselben Religion an. Dennoch trennen uns Welten. Während in meiner Welt Platz für einen Menschen wie ihn ist, haben Menschen wie ich keinen Platz in seiner." Der Satz war typisch Ateş: scharf in der Polemik, fein in der Wahrnehmung. So spricht ein Mensch, der das Land, das er hingebungsvoll kritisiert, liebt.

Auch aus Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies der Kindheit: Ateş’ Mutter war als Gastarbeiterin nach Deutschland vorangegangen, holte Mann und Kinder nach. Im ersten Jahr, als die Mutter allein in der Fremde lebte, nannten Kolleginnen sie nur "die weinende Frau". Ihre Tochter Seyran beschrieb später in Büchern wie Der Multikulti-Irrtum oder Wahlheimat stets auch die Ambivalenz der Migrantenschicksale: den Mut des Aufbruchs und die Trauer der Entwurzelung; den sozialen Aufstieg und das Festklammern an Traditionen; die Verletzlichkeit der Erwachsenen und ihre Härte gegenüber den eigenen Kindern, die sie vor den vermeintlichen Gefahren einer offenen Gesellschaft bewahren wollten und vor der realen Gefahr des Ausländerhasses erst recht.

Seyran Ateş gehört zu jenen türkischen Töchtern, die noch selbstverständlich geschlagen wurden, auch von der Mutter, als Schläge in den Familien deutscher Schulfreundinnen bereits unüblich waren. Das hat ihren Widerstandsgeist befeuert. Zu ihren Stärken gehört, dass sie, die Einserschülerin und Schulsprecherin, die mit 17 von daheim wegrannte, auch die Tragik der Elterngeneration sah. Ihre Familie kam ja in das sich rasant verändernde Westdeutschland der Siebzigerjahre, ins aufbruchsbunte West-Berlin, aber wohnte recht verloren in einer winzigen Arbeiterwohnung im Wedding. Ihre Eltern waren rigide auch aus Angst. Wer Seyran Ateş’ allererstes Migrationsbuch liest, das sie mit 18 anonym schrieb, unter dem damals wegweisenden Titel Wo gehören wir hin?, der spürt die Zerrissenheit ihrer Welt. Vor allem spürt er den Freiheitsdrang eines Mädchens, das neue Möglichkeiten ergreift: zu lernen, zu widersprechen. Ihr gerechter Zorn erwacht immer da, wo man ihr Freiheiten verwehrt, weil das "für eine Türkin besser" sei.