Acht Hirsche, darunter Kühe mit ihren Kälbern, tauchen in der Waldlichtung auf. Als sie die Jäger erblicken, bleiben sie reglos stehen und schnuppern neugierig in der kalten Winterluft. Da fängt einer der Jäger wie wild an zu schießen. Als bereits zwei Tiere tot am Boden liegen, greift Christian Mathis entsetzt ein: "Hör auf zu schießen!", ruft er dem Schützen zu, seinem Bruder. Er hat eine Hirschkuh getötet, nicht aber ihr wenige Monate altes Kalb, das im Wald verschwunden ist. Es wird elendiglich verhungern.

Die Geschichte liegt über dreißig Jahre zurück. Doch Christian "Hitsch" Mathis ist noch immer schockiert, wenn er sie erzählt. Was damals auf dieser Waldlichtung im Prättigau geschah, geht ihm nicht aus dem Kopf. Die wehrlosen Hirsche, die im Schnee nicht fliehen, weil sie bereits im Wintermodus sind und so zur leichten Beute werden, die hilflosen Kälber. An diesem Tag schwor sich Mathis: Nie mehr werde er im Spätherbst auf die sogenannte Sonderjagd gehen.

Im Bergkanton Graubünden leben 16.500 Hirsche. Im Winter fressen sie die Jungbäumchen und verhindern damit, dass sich der Schutzwald verjüngt, der die Siedlungen vor Lawinen und Erdrutschen schützt. Knapp ein Fünftel des Waldes ist von Bissschäden betroffen. Die Regierung legt jedes Jahr fest, wie viele Hirsche die Jäger und Jägerinnen erlegen müssen. Wird das Abschussziel verfehlt, ordnet der Kanton im November und Dezember, zwei Monate nach der dreiwöchigen Hochjagd im September, eine zusätzliche Jagd an – die Sonderjagd.

Im November 1986 ist Mathis zum ersten Mal so spät im Jahr auf der Pirsch. Zusammen mit seinem Bruder, seinem Vater und einem Jagdkollegen stapft er durch den kniehohen Schnee im Prättigau. Erst vor Kurzem hat der damals 37-Jährige die Jagdprüfung bestanden. 765 Hirsche müssen bis Ende des Jahres noch geschossen werden. Der junge Mathis ist gespannt, was ihn erwartet. Und umso enttäuschter, als er miterlebt, was die Sonderjagd tatsächlich ist.

"Die Hirsch-Schlächterei im Engadin", nannte die Neue Zürcher Zeitung die Sonderjagd. Das war 1956, als die Bündner Regierung innert zweier Tage rund um den Nationalpark über hundert Tiere schießen ließ, um Schäden auf den Feldern und im Wald zu verhindern. Seither ist die Sonderjagd in Graubünden hoch umstritten. Auch unter den Jägern. 1993 wollten einige von ihnen, zusammen mit Naturschützern, die Sonderjagd mit einer Initiative abschaffen. Doch das Volksbegehren wurde vom Parlament für ungültig erklärt.

So erging es auch Christian Mathis und seiner Sonderjagd-Initiative, die er vor nunmehr fünf Jahren und gegen den vehementen Widerstand des gesamten Bündner Establishments lanciert hat. Aber Mathis ließ sich nicht unterkriegen: weder von den Anfeindungen noch von den politischen und juristischen Winkelzügen seiner Gegner. Bis vor das Bundesgericht musste er gehen, damit die Bündner im kommenden Jahr erstmals über die Sonderjagd befinden dürfen – am nächsten Dienstag tagt der Große Rat in Chur über das Geschäft.

Wer ist dieser Mann, der die Jagd ebenso liebt wie die Tiere – und der für seinen politischen Kampf bereits 150.000 Franken ausgegeben hat, bezahlt aus der eigenen Tasche? Besuch in Küblis im Prättigau. Das Dorf liegt auf halbem Weg zwischen Landquart und Davos im engen, schattigen Talboden. Der pensionierte Zimmermann empfängt im Parterre seines Mehrfamilienhauses mitten im Dorf. Dort, wo früher der Showroom seiner Küchenbau-Firma war, befindet sich nun die Kommandozentrale der Sonderjagd-Initiative.

Hirschgeweihe, Gems- und Steinbockhörner hängen über einer Sitzecke aus Holz. Aus dem Hinterzimmer grüßt Elsbeth Pleisch, die Partnerin von Mathis. "Ohne sie gäbe es die Initiative nicht", erklärt Mathis offen. Sie ist das logistische Hirn seiner Kampagne. Die frühere kaufmännische Angestellte zückt bei Bedarf das richtige Dokument und wechselt freundlich das Thema – "no än Kafi?" –, wenn die Fragen zu kritisch werden. Mathis selbst ist kein Mann der großen Worte.