Unter den anständigen Parteien ist die SPD die einzige, die tatsächlich dorthin gehen könnte, wo es brodelt und gelegentlich auch stinkt, wie es der leider zu früh oder zu spät zurückgetretene Sigmar Gabriel gesagt hat. Dort kann man auch mal Kanake rufen oder Scheißnazi, ohne dass man deswegen öffentlich gevierteilt wird, und wenn es gut geht, trinkt man nach dem Streit sogar zusammen noch ein Bier. Die irre gewordene Korrektheit unserer Sprache und die Zahmheit unserer Politiker provozieren ja gerade, dass andere es erst recht krachen lassen und immer mehr Wähler auf Tabubrüche, Kraftmeierei und verbale Gewalt anspringen. Als ob das Thema Gerechtigkeit mit dem Gendersternchen abgehandelt wäre, das die SPD der Sprache aufoktroyieren will.

Speziell Sozialdemokraten reden heute oft wie Funktionäre eines Wohlfahrtsverbandes daher. Dabei merken sie nicht, dass ihre Versprechen die Jugend vergraulen, die für die heutigen Rentenerhöhungen zu zahlen und unter der zerstörten Natur zu leiden haben wird, ohne dass den wirklich Armen damit geholfen wäre oder die Arbeitsplätze in der Braunkohle deswegen eine Zukunft hätten. Die eigene Besitzstandswahrung kann doch für eine stolze, früher einmal auf die internationale Solidarität ausgerichtete Partei wohl nicht alles sein. Ausgerechnet von der CDU muss die SPD gerade lernen, wie innerparteiliche Demokratie funktioniert, und von den vollmundigen Ankündigungen zu Europa, die Martin Schulz in den Koalitionsvertrag schreiben ließ, sind ein Jahr später nur die aufgeblasenen Backen von Andrea Nahles übrig geblieben, sodass Emmanuel Macron längst die Hoffnung aufgegeben hat, aus Berlin jemals eine ernsthafte Antwort auf seine Vorschläge zu hören – wir werden uns noch wundern, wer nach seinem absehbaren Scheitern in den Élysée-Palast einziehen wird.

Keiner ihrer Vorgänger hat europapolitisch eine derart verheerende Bilanz aufzuweisen wie die jetzige Bundeskanzlerin. Und wer kann davon nicht profitieren? Die Partei, die die CDU kurzzeitig überflügelte, als sie mit der Nominierung von Martin Schulz auf das Thema Europa zu setzen schien. Hingegen Angela Merkel steht angesichts der Populisten um sie herum, für deren Erfolge Deutschlands kurzsichtige Finanz- und die inkonsistente, 2015 abrupt geänderte und danach Stück für Stück wieder revidierte Flüchtlingspolitik mitverantwortlich ist, sogar noch als große Europäerin da.

Leider scheinen viele Mandatsträger bis in die Reihen der Jungsozialisten nicht einmal eine Ahnung zu haben, weshalb es die SPD so dringend für Deutschland braucht und die Sozialdemokratie in der globalisierten Welt, nämlich als das stärkste Band der Solidarität quer durch alle gesellschaftlichen Schichten, Generationen und über nationale Grenzen hinweg. So sieht sich die Partei selbst beim eigenen langsamen und qualvollen Sterben zu. Ein Desaster für die gesamte Parteienlandschaft außer für die AfD.

PS: Hat Deutschland eigentlich einen Außenminister?