Jonathan Sigurdsson ist ein Abkömmling armer skandinavischer Emigranten, die es nach Schottland verschlagen hat. Heute ist er in Westminster einer der Beamten, die im Zentrum der Macht bleiben, wenn die Regierungen wechseln. Man braucht ihn, wenn ein Politiker in Schnapslaune in Leipzig vor "dreihundert gebildeten Europäern" vor den Deutschen warnt: "Beware of the Hun in the Sun!" Ein andermal bewundert dieser Feingeist eine schwarze Wahlhelferin mit einem alten Hip-Hop-Song: "I Like Big Butts." Da wird Spindoktor Jon, 59, ein Mann alter Schule, für sein elegantes "Umformulieren" geschätzt. Geschmeidig modelliert er Wahrheiten für die Öffentlichkeit.

Jon ist eine der beiden Hauptfiguren im neuen Roman des schottischen Literaturstars A. L. Kennedy. Er handelt von schwieriger Liebe in einem zerbröselnden Staat. Am Ende sitzen Jon, der mit seinem Job nicht mehr klarkommt, und die bankrotte Wirtschaftsprüferin Meg Williams – Kennedys zweite Hauptfigur – auf einer Bank am Telegraph Hill. Zu viel mehr ist es zwischen ihnen da noch nicht gekommen.

Süßer Ernst spielt am 14. April 2015, von frühmorgens bis in den nächsten Morgen hinein, drei Wochen vor der Wahl, bei der David Cameron im Amt bestätigt wurde. Im Original erschien das Buch im Frühling 2016, pünktlich zur Abstimmung über die Abspaltung der Briten, zu spät für thematische Kehren. Das macht den Roman nicht weniger interessant. Süßer Ernst ist Bestandsaufnahme und Analyse. Es ist ein Buch über die Zerrüttung der englischen Verhältnisse, politisch wie privat.

A. L. Kennedy äußert sich nicht täglich über Gott und die Welt, aber der Brexit-Entscheid hat sie schockiert. "Niemand weiß, wohin es gehen soll", meinte sie kurz darauf. "Der Mythos des britischen Empires beruhte auf der Annahme, dass wir anderen Nationen überlegen sind und ihnen unser System aufzwingen müssen. Jetzt schaut die Welt kopfschüttelnd auf uns."

Dabei ist es geblieben. Auffällig an ihrer Äußerung sind das "wir" und das "uns". Die europafreundliche A. L. Kennedy, die schon lange für ein unabhängiges Schottland eintritt, sieht sich noch immer als Teil des Ganzen. Jetzt vielleicht noch mehr: Seit 2012 lebt Kennedy in England. Sie liebe einen englischen Mann, und für eine Schriftstellerin, die reisen müsse, sei London ein guter Ort. Ihr "Herz" gehöre Schottland. Doch sie liebe auch England, und es breche ihr das Herz, den Untergang des Landes zu erleben.

Der neue Roman setzt diesen Untergang in Szene. Jon beobachtet eine obdachlose Frau: Sie "wanderte an ihm vorüber und sprach dabei leise vor sich hin. Sie war eine der geplagten Seelen Westminsters (...), schmutzig weißes Haar und lange Fingernägel, Mäntel über weiteren Mänteln zugebunden, zahlreiche schmuddelige Taschen in den Händen." Der Zustand solcher Leute, kommentiert Jon, sei "der physische Ausdruck der Gesundheit einer jeden Regierung".

Doch der fein distanzierte Außenblick steht Jon heute nicht zu. Die Frau ist gerade eher ein Spiegelbild von ihm selbst. An diesem Morgen hat er brav den Garten seiner Ex-Frau Val gepflegt. Aber weil ein zu weitmaschiges Netz über ihren Blumen liegt, hat sich eine junge Amsel in ihm verfangen. Jon hat verzweifelt versucht, dem Tier zu helfen, hat sich bekleckert und übergeben. Weil er vor der Arbeit keinen passenden neuen Anzug mehr kaufen konnte, wirkt er selbst gerade leicht verwahrlost. Schon lange hat sein Außenbild Risse: Val hat ihn mit fast jedem seiner Kollegen betrogen. Jon ist an die ärmliche Loughborough Junction gezogen, wo niemand ihn kennt. Am Ende war klar: "Ich durfte Val verlassen, und Val bekam alles andere."

Der Staatsdienst mit seinen Zwängen und Ängsten vor Peinlichkeit hat sich in sein Leben gefressen. Brillant und anschaulich zeigt Kennedy in Ingo Herzkes und Susanne Höbels Übersetzung Jons Verachtung, aber auch seine Abhängigkeit, wenn ein Vorgesetzter anruft: "Er drückte auf die erforderliche Taste, hob das Telefon ans Ohr und ließ Sansoms tyrannisches Gewinsel an sein Ohr strömen. Ja, da war er, der übliche lauwarme Strudel. Wie Spucke. Oder Sabber. Ein fremder Mund, der deinen eigenen infiziert."

Dramaturgisch verläuft der Roman in weiten Schleifen. Kennedy lässt ihren Hauptfiguren, deren Erlebnisse an diesem Tag im Wechsel erzählt werden, Zeit. Erst nach mehreren Hundert Seiten treffen die beiden aufeinander.