Der katholische Pfarrer Michael Theuerl lernte die Verfolgungssituationen von Christen einst im Ostblock kennen – in den Achtzigerjahren, als Sekretär des damaligen Berliner Bischofs Joachim Kardinal Meisner. 2018 bereiste er Syrien, um sich ein eigenes Bild von der Lage zu machen. Darüber sprach er mit Martin Lohmann, ebenfalls Katholik, der in den Neunzigern zur Chefredaktion des "Rheinischen Merkur" gehörte und das Ressort "Christ und Welt" leitete, dann Chefredakteur der "Rhein-Zeitung" war.

Martin Lohmann: Herr Pfarrer Theuerl, warum sind Sie nach Syrien gereist?

Michael Theuerl: Als Mann der Kirche würde ich sagen, im Schicksal Syriens spiegelt sich das Leiden Jesu am Kreuz. Davon lesen wir nun seit Jahren. Doch wie sehen die Kirchenvertreter die Situation im Land? Darüber wissen wir wenig, obwohl zehn Prozent der Syrer Christen sind, vor allem orthodoxe und katholische, insgesamt rund zwei Millionen Menschen. Es gibt allein sechs verschiedene katholische Kirchen, die alle einen anderen Ritus haben.

Lohmann: Haben die verschiedenen Christen denn eine gemeinsame Sicht der Dinge?

Theuerl: Ja. Syrische Christen wünschen sich mehr Solidarität westlicher Staaten und Kirchenführer. Es genügt ihnen nicht, dass der Westen fordert: Assad muss weg! Sie glauben, Deutschland werbe durch seine Willkommenspolitik wichtige Bürger des Landes ab und beschleunige so auch das Sterben der orientalischen Kirchen. Außerdem fürchten sie, dass es nach einem Sturz Assads für sie gefährlicher werden könnte. Dieses Dilemma ist in Deutschland kaum Thema.

Lohmann: Wo genau waren Sie?

Theuerl: In Damaskus, Homs, Aleppo, aber auch in Maalula, Saidnaja. Begleitet wurde ich von zwei Mitbrüdern, die Syrien noch aus Friedenszeiten kennen. Wir haben sieben Bischöfe im ganzen Land besucht. In Damaskus wohnten wir beim armenisch-katholischen Bischof, und zwar in der Altstadt, die zugleich das Christenviertel ist. Vor Damaskus hat der Apostel Paulus seine Bekehrung erlebt, und bis heute hat die christliche Altstadt viele Kirchen, überall sieht man Kreuze, Bilder der Muttergottes und der Heiligen, zugleich wirken die Gässchen und die Märkte ganz orientalisch.

Lohmann: Sie waren nur im Christenviertel?

Theuerl: Nein! Natürlich wollte ich die Omaijaden-Moschee sehen. Einst war sie eine altchristliche Basilika, heute wird darin noch immer das Grab des heiligen Johannes des Täufers verehrt. Von den Muslimen dort wurden wir sogleich als katholische Priester erkannt und willkommen geheißen. Der Nuntius Mario Zenari erklärte uns, das Verhältnis zu den Muslimen sei völlig unkompliziert. Nirgendwo in Damaskus errege es Anstoß, wenn er als Kardinal mit roter Kopfbedeckung und Brustkreuz Moscheen besuche.

Lohmann: Das klingt überraschend angesichts der Gewalt gegen Christen im Nahen Osten. In Aleppo beispielsweise wurden 2013 zwei Bischöfe entführt, deren Schicksal bis heute ungeklärt ist.

Theuerl: Ja, aber es wird vergessen, dass Christen und Muslime jahrhundertelang und noch bis vor wenigen Jahrzehnten gut miteinander auskamen. Erst im Zuge des aufkommenden Terrors formierten sich in Syrien auch radikale Gruppen, die Andersgläubige bedrohen.

Lohmann: Hatten Sie selber Angst in Syrien?

Theuerl: Aus der deutschen Presse hatte ich den Eindruck gewonnen, es herrsche ein klassischer Bürgerkrieg, jeder gegen jeden. Doch im Land war es hauptsächlich in der Nähe der Rebellen gefährlich, wir konnten die Flugzeuge sehen, die deren Stellungen bombardierten. Der armenisch-katholische Bischof von Damaskus, der uns im Bischofshaus im Viertel Bab Tuma beherbergte, sagte: Er selbst wage sich kaum mehr hinaus. Er zeigte uns im Haus gegenüber ein Fenster: Hier schlug am Neujahrsmorgen 2018 eine Granate ein und tötete einen Mann im Schlaf. Teile der Granate schlugen zurück aufs Bischofshaus.

Lohmann: Was ist mit Verbrechen Assads an seinem Volk? Was sagen die Christen in Syrien dazu?

Theuerl: Sie kritisieren die einseitige Schuldzuschreibung durch den Westen und beklagen, dass sie westliche Bischöfe vergeblich einladen: Kommt doch, sprecht mit Christen und Muslimen! Ihr müsst ja nicht mit Assad sprechen! Aber nein, sie kommen nicht. – Mehrfach wurde ich als Gast aus Deutschland gebeten, ob ich nicht unsere Kirche zu Hause positiv beeinflussen könnte, sich für die Realität in Syrien zu interessieren.