Abends, einer wie der andere frisch geduscht, finde ich sie am abstoßendsten. Da strömen sie wie eine invasive Art, auf einer Lache Lotion schwimmend, durch Ranongs Straßen. Ranong liegt in Thailands Süden, und die Straßen haben sich ohnehin schon ihrem Verlangen nach Hotels, Schnorchelsets und verleihbaren Mopeds unterworfen. Gierbraun vom büffelblöden Badetag kommen sie nun hungrig und umgarnungsgeil. Richtige Prachtexemplare habe ich heute zwischen meinen drei Mittagsschläfchen am Wasserfall beobachtet, zwei Mittvierziger, eine Mittvierzigerin, schwäbische Laute: "Ich bade nur in Marc-O’Polo-Sachen." Einige Momente der stillen Reflexion. Dann abstrakte Replik: "Endr Kokosnuss, da isch Milch drin." Diese ganzen dekadenten Touris gehen mir so krass auf den Geist – während ich selbst frisch geduscht und kokoslotioniert auf Oktopus in Knoblauch-Pfeffer-Sauce warte. Ich bin ein Tourist, der sich über zu viele Touristen aufregt, ein typischer Tourist also. Lächerlich, ich weiß.

Im staatlich gesponserten Thailand-Werbespot, der am Abflugterminal in Frankfurt lief, sprangen ganze drei multiethnische Spaßreisende am niemanden sonst interessierenden Traumstrand rum. Bis ihnen eine hübsche Insulanerin eine kühlende Kokosnuss anbot. Ich bin kein Mathematiker, aber allein in unserer doppelstöckigen Thai-Air-Maschine nach Bangkok waren genug Leute untergebracht, um gleich an dieser paradiesischen Vision zu zweifeln. Und wenn schon, redeten Anna und ich uns gegenseitig ein, und trafen noch an Bord des Doppelstock-Fliegers die Übereinkunft, reflektierte Touristen zu sein. Touristen, die dazu stehen, dass sie stinknormale Touristen sind. Die einsehen, dass man die schönen Dinge im Leben meist teilen muss. Und die dementsprechend ihre Rolle als beliebige Liegestuhlmasse akzeptieren. Konnte ja keiner ahnen, dass das dermaßen schwierig wird!

Im Speedboat nach Ko Phayam, Insel, 500 Einwohner, 1 Indischer Ozean, 0 Autos. Dort sei es schön und nicht so touristisch, hatten uns Freunde empfohlen, die kürzlich dort waren – logisch. Im Rücken riesige Regenwaldhänge, die in dieser niederschlagreichsten Region Thailands ausgelassenst sprießen. Vor uns bräunliches Kanalwasser, das sich aber bald in diamantklares Türkis verwandelt und gravitätisch ausbreitet. An Bord fast ausschließlich Thais, die offenbar selbst Erholung auf Ko Phayam suchen. "Geil, dass die Thais da auch Urlaub machen wollen", sage ich intuitiv zu Anna. Postintuitiv betrachtet ist diese Bemerkung seltsam. Denn Touris sind doch Touris, Vermassung ist Vermassung. Wieso nerven die Europasten, aber die Thaitouristen nicht? Liegt es schlichtweg daran, dass sie mir nicht so furchtbar ähneln? Keine mitgereisten Spiegel sind? Nicht mit demselben sonnenverkniffenen, durchfalltablettenverhärteten Gesichtsausdruck rumlaufen? Nicht Fettringe in derselben Farbe ansetzen und in nasalem Trottelenglisch nach dem Weg fragen? Schließlich bricht man ja in die Ferne auf, nicht wahr, um sich zu distanzieren.

Ko Phayam jedenfalls ist wunderschön. Wobei, Moment, ein richtiger Rotzbrocken von Insel ist Ko Phayam, auf gar keinen Fall hinfahren! Die Traumstrände, die Google zeigt, sind alle digital nachbearbeitet. In Wahrheit sieht es auf Ko Phayam wie in Cottbus aus.

Die Thaitouristen steigen fast alle in den feineren, komfortablen Unterkünften ab. Die Europäer, darunter auch Anna und ich, suchen dagegen raue Bungalowromantik. So wie im Sabai Sabai. Was den Betreiber James, einen etwas in die Tage gekommenen Surferboy aus England, zu wurmen scheint. Zumindest empfängt er seine wenigen thailändischen Gäste deutlich herzlicher. Aber man muss James lassen, dass er eine tolle kleine Aussteigeroase aus dem Sand gestampft hat. Mit Hängematten und Hollywoodschaukeln bei den in Tuchfühlung zum Ozean stehenden Holzhüttchen, sodass die Wellen einem im Schlaf gut zureden. Muschel-Tuk-Tuks mit kleinen Krabbenchauffeuren, Volleyballrunden bei Sonnenuntergang. Und das Nachtbaden erst.

Was ich eigentlich sagen wollte: ganz üble Ecke, alles Plattenbau. Mal ganz davon abgesehen, dass Strandbilder zu posten ein bewusst asozialer Akt ist (ich poste eines mit beladenem Bagger am Meer, das fällt unter Kulturbeitrag!): Wenn uns Kümmerkoffern die Bewahrung der kaum berührten Orte, an denen wir waren, so sehr am Herzen liegt, wieso prahlen wir dann vor der ganzen heimischen Welt damit? Nach mir die Nichts-wie-hin-Flut.