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In Berlin sah ich am Sonntag gemeinsam mit anderen Journalisten einen Horrorfilm: Unantastbar, die Dokumentation von Angela Andersen und Claus Kleber. Mit überwältigenden Aufnahmen aus aller Welt kündigt die Kamera die drohende Katastrophe an.

Wir sehen: Zerrissene Seiten der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Einen Sturm, der Menschenrechte, Natur, Freiheiten hinwegfegt.

Wir sehen: Despoten, die einander nacheilen, sich imitieren und überall aufsteigen und an Macht gewinnen. Ihre Taktik: einen Feind schaffen, Angst verbreiten, für den Abbau unserer Rechte kämpfen. Und es funktioniert. Überall sehen wir die Massen, die Zuflucht bei Despoten nehmen, aus Angst um ihre Sicherheit zum Verzicht auf ihre Freiheit bereit.

Die schlimmste Bedrohung, mit der sich die Anwesenden im Saal letzte Woche konfrontiert sahen, war aber wohl die "Cyberdiktatur". Die chinesische Regierung überwacht ihre Bürger derzeit mit 170 Millionen Kameras. Demnächst kommen weitere 400 Millionen hinzu. Die Kameras erkennen nicht nur Gesichter, sie zeichnen auch jeden Schritt der erkannten Personen auf. Sie zeichnen außerdem ihre Gefühle auf und wo und wann sie sich mit wem treffen. Menschenrechtsorganisationen bezeichnen dieses Modell als "Stufe perfektionierter staatlicher Kontrolle". 2030 wird China in Sachen künstlicher Intelligenz weltweit führend sein. Noch haben Roboter den Entwicklungsstand eines Babys, doch sie lernen schnell. Bringen wir den Robotern nicht die universellen Prinzipien der Menschheit bei, mutieren sie bald zu Knüppeln der Macht.

Ein albtraumhaftes Szenario. Grauenhafter aber ist, dass die Massen dieses Szenario akzeptieren. Propagandisten erklären, das vorrangige Recht der Bevölkerung sei nicht, aus Protest gegen die Regierung Straßen zu sperren. Sondern ein Leben in Sicherheit, gute Bildung, ein funktionierendes Gesundheitswesen und so weiter. Sie entwickeln einen neuen Rechtsbegriff, der nicht auf Freiheit fokussiert, sondern auf Dienstleistung. Zur Legitimierung wird der Satz bemüht: "1,4 Milliarden Menschen können nicht irren."

Dieser Ansatz ist für den Westen undenkbar, könnte man meinen. Doch vergessen wir nicht, dass auch im Westen Schüsse auf eine Diskothek oder eine Lkw-Attacke auf einen Weihnachtsmarkt Millionen Menschen veranlasst haben zu denken: "Wir wollen Sicherheit, auch wenn wir dafür Freiheiten einbüßen."

Glücklicherweise zeigt der Film nicht nur die sich über die Welt ausbreitende dunkle Wolke des Despotismus. Die Kamera richtet sich auch auf Aktivisten, die sich in aller Welt für das Recht auf menschenwürdiges Leben, Meinungsfreiheit, Umweltschutz oder Gleichberechtigung der Geschlechter einsetzen. Ihre Entschlossenheit, Überzeugung und Anzahl machen Hoffnung auf morgen.

Wie dieser Film ausgeht?

Das hängt von uns ab ...

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe