Es gibt nicht viele Autoren, die einen dazu verleiten könnten, doch mal einen Blick in das apokryphe Thomas-Evangelium zu werfen, aber Michael Krüger schafft auch das. Denn was hätte er je nicht geschafft? Der langjährige Hanser-Verleger, dessen Gedichte bei Suhrkamp und dessen Romane im Haymon Verlag erscheinen, hat zeit seines öffentlich wahrnehmbaren Lebens so vieles unter einen Hut gebracht – nicht nur seine unterschiedlichen Erscheinungsformen als literarischer Schatzgräber, Mitglied und Präsident mehrerer Akademien, diskussionsfreudiger Literaturbetriebsteilnehmer und humorbegabter Melancholiker. Auch in seinem Schreiben, ob Lyrik, Prosa oder feuilletonistische Miniatur, gelingt es ihm mit bewunderungswürdiger Leichtigkeit, Komisches und Trauriges, Tiefsinn und Alltag, die faits divers wie die letzten Dinge zu versammeln, aufleuchten zu lassen und vor seinen Lesern auszubreiten wie Mitbringsel aus einem weit entfernten Basar gleich um die Ecke.

In wenigen Tagen, am 9. Dezember, wird Michael Krüger unglaublicherweise 75 Jahre alt, ohne dass seine Produktivität – die sich nur aus einem außergewöhnlichen Mangel an Schlafbedürfnis erklären kann – je nachließe. Die jüngste Frucht dieses Bienenfleißes ist sein neuer Roman Vorübergehende. Den Titel bezieht das Buch aus besagtem Thomas-Evangelium. Eines der dort versammelten Jesus-Worte dient dem Roman als Motto: "Werdet Vorübergehende!"

Krüger erzählt zunächst eine einfache Geschichte: Seinem Ich-Erzähler, einem älteren Herrn, der seinen eigenen anhaltenden Erfolg als Motivationscoach und Verfasser von Personalentwicklungsratgebern ("Schwächen schwächen, Stärken stärken") selbst nicht fassen kann, läuft auf einer Zugfahrt ein Mädchen zu, eine "eigentümliche Mischung aus Kobold und Fee, von großer Ruhe und zappeliger Flatterigkeit". Der Name der Kleinen ist Jara, ihr Nachname unbekannt, Geburtsdatum, Familie und bisheriges Schicksal ebenso, dito die Herkunft; irgendwo vom Balkan, steht zu vermuten. Diese schlechthin Fremde nimmt der Mann ebenso fasziniert wie widerwillig mit heim, in sein beneidenswertes Leben in einer unbezahlbaren Wohnung mit Dachterrasse in bester Münchner Lage, wo sie aufblüht, sich mit dem wohlgeratenen Nachbarsjungen anfreundet und beginnt, ein großes zeichnerisches Werk zu schaffen. Und er weiß, irgendwann wird sie wieder fortgehen, und er wird recht behalten.

Dass aus so etwas der schiere Kitsch wird, muss man bei einem klugen und zugleich souveränen Erzähler wie Krüger nicht befürchten. Es beginnt mit dem harmlosen Satz: "Hinter Göttingen muss ich eingeschlafen sein", und wie von ungefähr stellt die Geschichte sich ein, mitten in einem wie absichtslosen Räsonieren über Schrebergärten und ihren vermeintlichen Namensgeber, Lesefrüchte ("ich trug auf meinen Reisen immer ein Buch mit Aphorismen bei mir, Lichtenberg, Nietzsche, Cioran, Canetti") und die Existenz Gottes. Weiterer Aufschub bis zur entscheidenden Begegnung ergibt sich durch die Erinnerung an einen durchgedrehten Psychoanalytiker in der Nachbarwohnung, als dessen Nachlassverwalter der Ich-Erzähler sich durch die Überbleibsel verdrängter Vergangenheit arbeitet und kartonweise unaushaltbar stinkende Erstausgaben entsorgt, darunter ein Band der Insel-Bücherei mit Rilke-Briefen.

So kommt eins zum anderen, die Erinnerungen an die eigene Kindheit in einem zivilisationsvergessenen Nachkriegs-Ostdeutschland und der Tod der Mutter, das Nachdenken über den Ramsch, der aus den schönsten Büchern wird, vielsagende Träume und eloquent formulierte Betrachtungen zum gegenwärtigen Zustand der Welt, der Kultur und der Deutschen mit ihren "sauberen unschuldigen Exportweltmeistergesichtern". Nach und nach entsteht das Porträt eines privilegierten Mannes, der vieles besitzt, vieles gelesen hat, vieles weiß und doch nicht begreifen kann, wozu. Die Komplementärfigur des Mädchens besitzt nichts und kann ihm doch genau das geben, was seinem Leben fehlt. Etwas so Märchenhaftes (und, wer weiß, vielleicht ja auch nur Geträumtes) kann nicht von Dauer sein, nicht in einer Gegenwart allgegenwärtiger Selbstoptimierung und -vermarktung, der "Vertreibung der Schönheit" und der "Ausbreitung der Vulgarität".

Vorübergehende ist in jeder Hinsicht und ganz offenkundig ein Alterswerk, erfahrungssatt und voller abgeschliffener Aufbrüche, und dennoch von Uneindeutigkeiten unterströmt. Es bleibt der Tagesform der Leserin und des Lesers überlassen, ob am Ende der Lektüre die Dankbarkeit, auf 200 Seiten Bekanntschaft mit kennenlernenswerten Seelen geschlossen zu haben, überwiegt – oder eine sehr weit vorausdeutende Weisheit des Thomas-Evangeliums, die Michael Krüger nicht zitiert: "Wer die Welt erkannt hat, hat einen Leichnam gefunden." Zum Glück ist beides zugleich möglich.

Michael Krüger: Vorübergehende. Roman; Haymon Verlag, Innsbruck 2018; 200 S., 19,– €