Muslime gegen Christen. Nirgendwo, so scheint es, wird der alte Religionskonflikt heute so mörderisch ausgetragen wie in der Zentralafrikanischen Republik (ZAR). Neue Massengräber werden dieser Tage in der Stadt Alindao ausgehoben, 300 Kilometer östlich der Hauptstadt Bangui. Kämpfer einer muslimischen Miliz hatten am 15. November die katholische Kathedrale angegriffen, in deren Nachbarschaft über 20.000 christliche Flüchtlinge Unterschlupf gefunden hatten. Mindestens 60 Menschen, darunter ein Pfarrer und der Generalvikar der Diözese wurden getötet, Kirche und Zelte niedergebrannt, mehrere Tausend Menschen sind nun erneut auf der Flucht und von jeder Versorgung abgeschnitten.

Am Sonntag danach betete Papst Franziskus in Rom für die Opfer von Alindao – und lenkte damit wenigstens internationale Aufmerksamkeit auf das Massaker. Die ZAR liegt am nördlichen 10. Breitengrad, jener Bruchstelle, entlang der sich durch ganz Afrika Islam und Christentum mischen und in jüngerer Zeit immer heftiger kollidieren. Doch die Gewalt allein durch die Schablone des Religionskonflikts zu betrachten führt in die Irre. Krieg ist in der ZAR ein profitables Geschäftsmodell. Und wirklich friedlich ist das Land nie gewesen. Auch nach der Unabhängigkeit 1960 blieb die ehemalige Kolonialmacht Frankreich Schutzpatron der christlichen kleptokratischen Elite, die die Konzessionen für den Rohstoffabbau an französische Konzerne vergab.

Der aktuelle Konflikt begann 2012, als ein Zusammenschluss überwiegend muslimischer Rebellen unter dem Namen Seleka den damaligen Präsidenten François Bozizé stürzte, ihn durch einen Muslim als Staatschef ersetzte und die Zivilbevölkerung terrorisierte. Zu den Seleka-Milizen zählten auch muslimische Söldner aus dem Sudan und dem Tschad, was unter der christlichen Mehrheit der ZAR die Erinnerung an Raubzüge arabischer Sklavenhändler wachrief. Also bildeten sie ihrerseits Milizen, genannt Anti-Balaka. Im folgenden Bürgerkrieg begingen sie Massaker an Muslimen, vertrieben Hunderttausende. Es brannten Moscheen, Kirchen, Märkte und Krankenhäuser. Über ein Fünftel der 4,6 Millionen Einwohner floh in Nachbarländer oder in vermeintlich sichere Gebiete ihrer nunmehr ethnisch wie religiös segregierten Heimat. Das Land, reich an Gold und Diamanten, aber auf dem vorletzten Platz des UN-Entwicklungsindex, wurde zu einer humanitären Desasterzone.

Versuche der Befriedung hat es seither viele gegeben – manche mutig, manche gut gemeint, andere mit einer versteckten Agenda. Papst Franziskus besuchte 2015 unter großem persönlichen Risiko eine umkämpfte Moschee in der Hauptstadt Bangui. Die katholische Laiengemeinschaft Sant’Egidio, seit Jahrzehnten weltweit als Konfliktmediator aktiv, versucht seither, von außen zu vermitteln. Im Land selbst starten moderate Imame, Priester und zivile Aktivisten immer wieder lokale Friedensinitiativen.

Frankreich entsandte Militär, das die Gewalt eindämmte, aber durch Vorwürfe sexueller Übergriffe auf Minderjährige in die Schlagzeilen geriet und 2016 abzog. Die Vereinten Nationen schickten 12.000 Blauhelme, die aber in der Bevölkerung verhasst sind, weil sie mordende Milizen immer wieder gewähren lassen – wie zuletzt in Alindao. Warum? Was aussieht wie Komplizenschaft ist in Wahrheit Schwäche. In dem muslimisch kontrollierten Alindao sollen während des Blutbades nur 69 Blauhelme stationiert gewesen sein. Danach gestand der Chef der UN-Mission Parfait Onanga-Anyanga, dass die UN die Bevölkerung nicht ausreichend schützen könne. Im Klartext: Die Mission ist erbärmlich ausgestattet und den Milizen hoffnungslos unterlegen.

Von solchen Milizen gibt es im Land mindestens achtzehn. Wie zum Hohn trägt fast jede die Worte Frieden oder Gerechtigkeit im Namen, so auch die Unité pour la paix en Centrafrique (Einheit für den Frieden in Zentralafrika), die für das Massaker in Alindao verantwortlich sein soll. Ihren Anführern geht es um Einnahmen aus Schmuggel und Rohstoffabbau, um Einfluss beim ewigen Machtpoker in Bangui und bei internationalen Konferenzen. Mal kooperieren christliche und muslimische Kriegsherren, dann wieder bekämpfen sich muslimische Fraktionen untereinander. Für alle gilt: Die Gewaltbereitschaft ist ihr politisches Kapital – auch auf dem internationalen diplomatischen Parkett. Es wächst mit der Größe des Territoriums unter ihrer Kontrolle und mit der Zahl der Zivilisten, die unter die "Schutzherrschaft" der Kriegsherren gezwungen werden. Um einen Nachschub an Waffen müssen sie sich trotz eines UN-Embargos nicht sorgen. Die Landesgrenzen sind porös, Waffen oft leichter zu haben als Nahrungsmittel. Nachbarländer wie der Tschad und der Sudan versorgen alliierte Milizen. Seit Kurzem schickt auch Russland, stets auf der Suche nach neuen Einflusssphären und Rohstoffen, Söldner und Waffen ins Land, liefert sich im UN-Sicherheitsrat Machtkämpfe mit der Ex-Kolonialmacht Frankreich. Ein Bürgerkrieg, der zum geostrategischen Kampffeld wird – das erinnert an Syrien und den Jemen. "Lasst uns beten für ein Ende der Gewalt in diesem geliebten Land, das so dringend Frieden braucht", hatte Papst Franziskus nach dem Massaker in Alindao gesagt. Danach sieht es nicht aus. Für zu viele ist der Krieg einfach zu lukrativ.