Wie damals mit John Coltrane: Archie Shepp in Mannheim © Wolfgang Roloff

Ein Konzert des legendären Saxofonisten Archie Shepp im Duo mit dem nicht minder großartigen Pianisten Jason Moran im November. Die Idee, diese beiden zusammenzuführen, hatten die feinen Menschen vom Enjoy-Jazz-Festival. Rainer Kern, der Leiter, liebt seine Musiker aufrichtig, und, fast noch besser, sie lieben ihn zurück und folgen seinen Vorschlägen gerne. Eine bessere Methode, eine künstlerische Institution zu leiten, ist noch nicht erfunden worden. Wenn man zu seinen Idolen pilgert, wie ich in diesem Fall, ist das ja immer mit dem Risiko behaftet, eine Enttäuschung zu erleben. Weil sie der Erwartung, die man an sie stellt, dann möglicherweise nicht entsprechen. Was übrigens ihr gutes Recht wäre – sie haben schließlich nicht darum gebeten, zu Idolen gemacht zu werden.

Archie Shepp, mittlerweile 81 Jahre alt, betrat die Bühne schweren Schrittes und hellwach. Ein großer Styler ist er, an jenem Abend in einen braunen Nadelstreifen-Dreiteiler gekleidet, weißes Hemd, lachsfarbene Krawatte, Borsalino auf dem Kopf, alles tipptopp. Er organisierte erst einmal seinen Arbeitsplatz, und zwar auf die Art, wie man es in dem Alter eben tut, wenn man mit zwei Saxofonen, Setlist, einem Handtuch und diversen Wasserflaschen zurechtzukommen hat: sehr ruhig. Sein halb so alter Duopartner Jason Moran saß derweil schon am Flügel und beobachtete den Kollegen, immer sprungbereit, ihm zu assistieren. Wenn man wissen will, wie das geht, die Sache mit den Generationen, sollte man sich diese Jazzer anschauen. Wie organisch bei denen Fürsorge, Respekt, Humor und Ablösung nebeneinanderstehen.

Shepp ist einer meiner Helden, seit ich mit fünfzehn eines Nachmittags bei meinem Bruder ein paar Jazzplatten entdeckt hatte, darunter Shepps Album Four for Trane. Nachdem ich sie auf meinem Mister-Hit-Monoplattenspieler durchgehört hatte, war mein Leben ein anderes. Lange saß ich noch da und betrachtete die Cover mit den kubistischen Gemälden oder den Schwarz-Weiß-Porträts, die so aussahen, als stammten sie aus einem der Lino-Ventura-Krimis, die ich manchmal nachts heimlich schaute. Eine andere, erwachsenere Welt eröffnete sich mir da als die, welche die psychedelischen Bilder auf den Progrock-Alben vermittelten, die ich bis dahin gehört hatte.

Der erste Titel des Abends, Wise One, war eine John-Coltrane-Komposition. Der Mann hat noch mit Coltrane gespielt, wurde mir erneut klar, nicht zu glauben. Ich fiel in diesen vollen, warmen, hauchigen Saxofonsound, ließ mich mit den Klavierlinien treiben, vertraute und überließ mich den beiden auf der Bühne vom ersten Ton an. Um den Bogen zu meiner anfangs geschilderten Idolisierung zu schlagen: Ich wurde vollkommen ruhig und erwartungsfrei. Auf der Setlist standen einige Standards, Lush Life und Round Midnight zum Beispiel, aber auch Gospeltitel und zwei Nummern von Fats Waller, den Archies Mutter so liebte. Shepps Stimme war kraftvoll, zart und schön. Angeraut von einem neugierig gelebten Leben. Es war die persönliche, unbestechliche Musik zweier Menschen, die auf der Bühne bei sich und beieinander waren. Und das ließ im Zuhören auch mich zu mir selbst finden. Etwas Besseres hätte mir in diesem Jahr nicht passieren können.