An einem Sonntag im März kam die Weltpolitik in Theresa Wieses Wohnzimmer. Bis zum Nachmittag war sie mit ihren beiden Kindern auf einem Turnfest gewesen und hatte selten aufs Handy geschaut. Da rief plötzlich ein Kollege an: Sie habe doch sicher schon mal von Carles Puigdemont gehört, dem katalanischen Separatistenführer: "Der wird dir morgen vorgeführt."

Puigdemont war aus Spanien geflohen, nach ihm wurde per Europäischem Haftbefehl gesucht. Was dann an jenem Sonntag, dem 25. März, in Schleswig-Holstein geschah, machte international Schlagzeilen: Gegen Mittag hatte die Polizei Puigdemont auf einem Autobahnparkplatz 40 Kilometer vor Dänemark festgenommen. Er wurde in die nächste größere Justizvollzugsanstalt gebracht, ins 45 Autominuten entfernte Neumünster. Damit war klar: Bis zum Ende des folgenden Tages musste er der zuständigen Amtsrichterin vorgeführt werden.

Wiese weiß noch, dass sie die Tagesschau einschaltete. Es gab Bilder aus Barcelona, wo Zehntausende gegen Puigdemonts Festnahme protestierten. In Berlin erklärte die Bundesjustizministerin vor einem Pulk aus Mikrofonen: Der Fall sei nun Sache der Justiz in Schleswig-Holstein. "Ich saß daheim vor dem Fernseher und dachte: O Gott, die meint mich!", sagt Theresa Wiese. "Mir kam das in dem Moment alles ziemlich surreal vor."

Das ging auch anderen so. Es sei ein Witz, hieß es in Zeitungskommentaren, dass die Justiz in Schleswig-Holstein über die Zukunft Kataloniens mitentscheiden solle, allen voran: ein Amtsgericht, das sonst mit Vorfällen in Neumünster, Bönebüttel, Rendswühren oder Hasenkrug zu tun hat. Es konnte einem vorkommen, als hätten die UN die Beschäftigung mit dem Nahostkonflikt an den Gemeinderat von Oberammergau delegiert. "Etwas Vergleichbares", sagt Theresa Wiese, 41 Jahre alt, "wird mir im Leben wohl nicht mehr unterkommen."

Ihr Schreibtisch steht im ersten Stock eines Justizgebäudes aus der Kaiserzeit. Wiese, geboren in Bayern, fing 2004 als Proberichterin in Schleswig-Holstein an. In ihrem Büro fällt als Erstes der Verrückte Hutmacher auf: Johnny Depp in Alice im Wunderland. Das Filmposter hat sie sich an ihre eierschalenfarbenen Wände geheftet, um ihrem Amtszimmer einen Hauch Individualität abzutrotzen. Unter Kollegen gilt die Richterin als freier Geist. Wie zur Illustration hängt in ihrem Büro auch ein Porträt von Marlene Dietrich. "Eine coole, moderne Frau", sagt Wiese.

Am Amtsgericht Neumünster ist sie die einzige Ermittlungsrichterin und zuständig für Fälle aus dem gesamten Landgerichtsbezirk Kiel. In ihrem Büro sitzen häufig Tatverdächtige, bei denen sie entscheidet, ob sie vorerst in Haft kommen: mutmaßliche Drogendealer, Serieneinbrecher, Sexualstraftäter oder sogar Mörder und Totschläger; auch Menschen in Auslieferungsverfahren. "Das ganze Spektrum", sagt Wiese. "Nur mit bekannten Persönlichkeiten", fügt sie hinzu, "haben wir hier selten zu tun."

In der Nacht vor dem Termin mit Puigdemont schlief Wiese schlecht. Sie grübelte, was auf sie zukommen würde. Sie behält gern die Kontrolle, das aber erschien in dem Fall schwierig.

Am Morgen kam sie früh zur Arbeit. Neben dem Amtsgericht liegt die JVA, in der Puigdemont untergebracht war. Davor warteten Sympathisanten mit katalanischen Flaggen und Kamerateams. Wiese musste an ihnen vorbei. "Guten Morgen!", sagte Wiese. Sie lächelte in sich hinein: Wenn die wüssten!