Während in Berlin Angela Merkel und Horst Seehofer gerade über die Zukunft des Verfassungsschutzpräsidenten streiten, in Washington Donald Trump den Klimaschutz lockern will und Viktor Orbán in Budapest gegen die EU giftet, tritt an einem Montagabend im September in Goldenstedt der Gemeinderat zusammen. Vier Frauen, 14 Männer, an der Wand des Bürgersaals hängt ein Kreuz. Bevor der Rat in die Tagesordnung eintritt, gratuliert der Vorsitzende den Mitgliedern, die Geburtstag hatten. Ein Vertreter der CDU ist Großvater geworden. Auch der Berichterstatter der Oldenburgischen Volkszeitung wird begrüßt. Dann hat der Bürgermeister das Wort.

Willibald Meyer steht seit 32 Jahren an der Spitze des Ortes, noch länger ist er in der CDU. "Der Bürgermeister spricht als Erster oder gar nicht", lautet einer der Leitsätze, die er sich im Laufe der vielen Jahre zurechtgelegt hat. Ein anderer: "Tue Gutes und rede darüber." An diesem Tag kann er viel Gutes berichten: Die Steuerkasse ist voll, der Bau des neuen Altenpflegeheims macht Fortschritte, auch die Erweiterung des Rathauses kommt voran. Überhaupt wird in diesem Jahr viel gebaut, denn Goldenstedt wächst. Zuletzt zählte die Gemeinde 10.278 Einwohner, sie verzeichnet den höchsten Bevölkerungszuwachs im ganzen Landkreis. Die Region boomt, die Arbeitslosigkeit liegt bei 3,5 Prozent – noch einmal einen halben Prozentpunkt niedriger als vor zwölf Monaten. Von Landflucht keine Spur, im Gegenteil, immer mehr Menschen ziehen her, in die niedersächsische Provinz.

Goldenstedt liegt im Oldenburger Land, etwa auf halber Strecke zwischen Osnabrück und Bremen. Viele Schweine, viele Hühner, weite Felder. Im Herbst rasten Zehntausende Kraniche im nahe gelegenen Moor. Genau genommen, besteht die Gemeinde aus drei Orten: Goldenstedt, Lutten und Ellenstedt. Eine Gemeindereform hat sie vor mehr als 40 Jahren zusammengezwungen. Vieles ist bis heute deshalb mehrfach vorhanden, vier Schützenvereine, drei Heimatvereine, zwei Feuerwehren.

Goldenstedt ist eine von mehr als 11.000 Kommunen in Deutschland. Die meisten von ihnen sind kleine Orte, die großen Schlagzeilen werden auch 2018 woanders produziert. In den Städten und Metropolen, in Berlin natürlich, wo Regierung und Opposition lautstark über Zuwanderung und Wohnungsnot gestritten haben, über Fachkräftemangel und Digitalisierung, über den heißen Sommer und seine Folgen. Dabei werden all diese Themen auch hier verhandelt, in den Kommunen, in denen sich die Politik von ihrer handfesten Seite zeigt. Wie war also das Jahr in Goldenstedt? Wir haben die Gemeinde und ihren Bürgermeister begleitet.

Als wir im Sommer nach Goldenstedt fahren, simst Meyer: "Meine Amtskette werde ich wegen der tropischen Witterung im Tresor lassen." Auch im Oldenburger Land ist es 2018 ungewöhnlich heiß gewesen. Meyer trägt zur Jeans ein weißes Freizeithemd mit Aufdruck, "Ocean Race" steht darauf, keine Amtskette. Der Bürgermeister empfängt uns am Bahnhof. Seit Kurzem gibt es in der Gemeinde wieder zwei Bahnhöfe – wer hier lebt, ist nicht abgehängt. Auch wegen solcher Erfolge ist Meyer seit 1986 im Amt. Zunächst ehrenamtlich, seit 2005 ist er hauptberuflich Bürgermeister.

Willibald Meyer, 71, ist in Lutten, einem der drei Orte der Gemeinde, groß geworden, mit neun Geschwistern, die Eltern waren Bauern. Als junger Mann wollte er Priester werden, die Eltern hatten schon für den Kelch gespart, den sie dem Sohn zur Weihe schenken wollten. Doch es kam anders. Meyer wechselte auf Lehramt, heiratete und bekam drei Kinder. Heute führe er "eine Gauck-Ehe", sagt er: Getrennt, aber nicht geschieden von seiner Frau, lebt er mit seiner Partnerin zusammen.

Man muss mit Meyer nicht lange über Heimat sprechen, der Bürgermeister ist sein eigener Heimatminister. Stolz führt er durch die Gemeinde: Zum bunten Goldregen , einer Skulptur aus Stahl, die sich wie ein Regenbogen über die Hunte, einen kleinen Fluss, spannt. Die auffällige Konstruktion ist eine von mehr als einem Dutzend Skulpturen, die während Meyers Amtszeit errichtet wurden. Und er führt zum Haus am Moor, einem Naturschutzzentrum, das er vor mehr als zwanzig Jahren ins Leben gerufen hat.