An einem der so glühenden Tage dieses Sommers waren meine Frau und ich mit unserer kleinen alten Hündin in dem ebenfalls kleinen und alten Lagunenstädtchen Chioggia südlich von Venedig. Wir hatten auf etwas Wind vom Meer gehofft, aber als wir am frühen Nachmittag einen ersten Gang machten, einen Gang für unsere Kleine, ihr Geschäft, war die Luft reglos, und man konnte kaum atmen, auch kaum etwas sehen vor Licht. Wir gingen über zwei Brücken mit unbewegten, wie schwarz lackierten Kanälen darunter, zu einer Insel mit etwas dürrem Grün zwischen den Steinen, einem Stückchen Land, beherrscht von einer alten Kirche aus Backsteinen, der Turm eher geduckt, ein Bau wie ein Speicher für Gläubige, von rötlichem Braun unter einem schon heidnisch blauen Himmel. Unsere Kleine suchte einen Flecken für ihre Belange, und ich ging in die Kirche, während meine Frau auf dem Vorplatz blieb – danach käme sie an die Reihe, nie können wir eine Kirche gemeinsam betreten, wenn wir zu dritt unterwegs sind.

Ich kam in ein Halbdunkel und dazu in eine Kühle, wie sie die Haut schon vergessen hatte, und das Erste, was mir auffiel, war das Alleinsein in dem mächtigen Raum, in dem alles Licht auf einem Gekreuzigten hoch über dem Altar lag, Licht von schmalen Fenstern in der Decke auf einer Figur, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Aufgewachsen mit einer sehr katholischen Großmutter und als Kind oft in Kirchen gestanden, habe ich schon viele Darstellungen des Leidens Christi vor Augen gehabt, oft auch solche, die ein Kind erschrecken, und solche, die der aus der Kirche ausgetretene Erwachsene für christliche Propaganda hält. Dazu kommt das zweite Gebot, das für mich neben dem ersten und fünften das einleuchtendste ist, und trotzdem erschien mir diese Figur am Kreuz als reines Zeichen einer Glaubenswahrheit; weder hatte sie etwas von der in Italien ja gern geforderten bella figura, nichts zur Schau Stellendes, noch war sie Mahnmal für ein lange zurückliegendes skandalöses Ereignis. Sie zeigt nur ganz einfach, was die Grundidee dieses Glaubens ist (mit dem ich mich schwertue), wiedergegeben im kraftlosen Haupt und in dem ausgemergelten Leib mit dem seitlichen Einstich. Der Gekreuzigte hängt hoch in einer Wandaussparung, von aller Welt verlassen, die Blößen kaum bedeckt, die knochigen Füße entsetzlich übereinandergenagelt, eingesackt in den Knien, ganz der Schwerkraft ausgeliefert. Sein Leiden ist fast beendet, er ist kaum noch von dieser Welt, halb entrückt schon und doch noch ein Mensch mit Qualen, die man sich nicht vorstellen kann und will – was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu, habe ich als Kind gelernt, eine Ableitung der christlichen Idee, die von dieser Figur an dem glühenden Augustnachmittag ausging: sich den Schmerz des anderen vorzustellen, nicht stumpf zu sein wie der Häscher, der die Nägel einschlägt, sondern so mitfühlend wie Maria Magdalena – die mir liebste Figur aus den Evangelien.

Noch immer war ich allein in der halbdunklen Kirche und trat so nah unter das Kreuz, wie es nur möglich war, ohne eine Grenze zu verletzen. Ich wollte die Augen sehen, die noch leicht geöffnet waren, nach unten schauten, aber blicklos, das Weiße darin wie aufgelöste Kreide, während der Mund mit schlechten Zähnen – welch ein Detail – zu jenem Ruf offen stand, der mich schon als Kind erschauern ließ, dem Schrei der Enttäuschung an der Naht zwischen Sterben und Ewigkeit, Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Es gibt nicht viele Fragen, die einen lebenslang verfolgen, und noch weniger Werke, die sie aufgreifen und beantworten: Dieser Christus am Kreuz in der Chiesa di San Domenico von Chioggia ist eins davon, und die Antwort heißt: Um das Mitleid in die Welt zu bringen – in die Gluthitze und das erbarmungslose Licht, in das ich kurz darauf wieder trat, um die Leine unserer kleinen alten Hündin zu nehmen, damit meine Frau in die Kirche konnte, wo sie lange blieb, während ich vergeblich etwas Schatten suchte.