Weil das hier die reale Welt ist, ein echtes Festzelt auf dem Oktoberfest, mit Bierbänken und Biertischen und Kränzen, die vom Zelthimmel hängen, muss Dorothee Bär an einem Dienstagmorgen im September Papier verteilen. Genauer: Visitenkarten. Das Problem: Sie werden nicht ausreichen. 20 Karten hatte sie in der Früh in ihre rechte Dirndl-Tasche gepackt, die ersten hat sie schon auf dem Weg zum Zelt weggegeben, drinnen geht es weiter. Aus der Endlosschleife von Papierausgabe und Small Talk und Händeschütteln schreibt Bär ihrer Assistentin, dass sie Nachschub braucht. Eine Frau wie sie kann nicht zu viele Visitenkarten haben. Nicht jetzt. Immerhin hat ihr iPhone noch ausreichend Akku.

"Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin und Beauftragte der Bundesregierung für Digitalisierung" steht auf der Karte. Seit März hat Dorothee Bär dieses Amt inne, das im Koalitionsvertrag so noch nicht vorgesehen war. Einig war man sich, dass Digitalisierung im Jahr 2018 dann doch notwendig sei, auf 175 Seiten taucht der Begriff 73-mal auf. Die FDP, als sie noch mitmischte in den Koalitionsverhandlungen, hatte ein eigenes Digitalministerium gefordert, Bärs heutigen Posten nannte FDP-Chef Christian Lindner ein "Trostpflaster" ohne wirkliche Durchschlagskraft.

Bärs Chefin Angela Merkel sprach 2013 noch vom "Neuland", sie meinte das Internet. Und heute? Viele Unternehmer wagen nur halbherzig den Sprung ins neue Land. Die Bürger sind auf Facebook, Google, Amazon, aber die Mehrheit sieht ihren Arbeitsplatz bedroht. Ökonomen verlangen deutsche Googles und bleiben doch die Pläne dafür schuldig.

Da kommt Bär ins Spiel, die im März deutschlandweit bekannt wurde, als sie im heute-journal von Flugtaxis schwärmte. Kann sie ein Wegweiser sein, Weichen stellen, Vertrauen schaffen? Oder ist die digitale Welt für Dorothee Bär nur eine Bühne?

Die Welt, in der Bär parallel unterwegs ist, auch während der zwei Stunden im Festzelt, ist das Internet. Dort, das hat sie in den vergangenen Monaten gezeigt, braucht eine Politikerin kein eigenes Ministerium, um aufzufallen: 21.096 Menschen folgen ihr (bei Redaktionsschluss) auf Instagram – Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zum Beispiel kommt dagegen nur auf 12.205. Auf Instagram gibt sich Bär bunt, poetisch, mal cool, mal kitschig. Sie kann das. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, die im Bikini der Nordsee entsteigt? Justizministerin Katarina Barley mit einem Schild, auf dem steht: Ich trinke nur Glühwein von glücklichen Glühen? Oder Kanzlerin Angela Merkel, die ein lilafarbenes Plüscheinhorn umarmt?

Dorothee Bär im Regierungsviertel in Berlin © Andreas Chudowski für DIE ZEIT

Jeglicher Name aus dem derzeitigen Kabinett klingt in solchen Arrangements wie ein schlechter Witz, aber Dorothee Bär traut sich das. Die Bilder belegen ihren Humor und lassen sie nahbar erscheinen. Sie überlagern aber auch die Tatsache, dass Bär alles andere ist als eine Haha-lustig-ich-bin-dann-halt-mal-Staatsministerin-Frau. So wie hinter ihrer digitalen Figur viel Arbeit steckt, so ist auch die analoge Politikerin Dorothee Bär im Kanzleramt angekommen, weil sie das ernsthaft wollte.

Um Viertel nach neun kann sie sich endlich an einen der Biertische setzen, auf dem ein Schild mit ihrem Namen steht. Sie soll mit Gründern reden. Dorothee Bär trinkt Mineralwasser. "Wie wird man das?", will ein Gründer wissen. Er meint Bärs Amt. "Ich fordere diese Position schon seit Jahren", sagt sie.

Politik macht Bär seit der Jugend. Mit 14 gründet sie in Ebelsbach eine Jugendvertretung der CSU – weil es vorher keine gab. Später studiert sie Politik, steigt auf in der Jungen Union, wird in den CSU-Vorstand aufgenommen. Es ist eine schnelle Karriere. Mit 24 Jahren sitzt Bär im Deutschen Bundestag. Dann wird sie Staatssekretärin im Verkehrsministerium. Jetzt, mit 40, ist sie im Bundeskanzleramt angekommen. "Ich bin ehrgeizig", sagt sie.

In der CSU macht frau diese Karriere nicht einfach so. Die Partei ist ein Männerverein. Mit am Kabinettstisch sitzen für sie noch die Herren Seehofer, Müller und Scheuer. In solch einer Umgebung kaschieren viele Frauen das Frausein – wie Merkel. Oder sie ziehen sich zurück wie Ilse Aigner im Kampf mit Markus Söder um die Spitzenposition in Bayern.

Dorothee Bär dagegen gibt, umzingelt von Männern, das Superweib. Alles unter acht Zentimetern Absatz ist für sie kein tragbarer Arbeitsschuh, sie mag die Farbe Pink und Taschen von Louis Vuitton. Ausgerechnet aus der CSU heraus kommt die weiblichste Politikerin, die Deutschland momentan hat.