Mein Kunstmoment 2018 ist kein Werk, keine Aufführung, kein aufwühlender Gedanke, sondern eine Biografie, geronnen zu einer Ausstellung. Das Museo de Arte Contemporáneo Eduardo Westerdahl befindet sich in Puerto de la Cruz, Calle Las Lonjas 1a, im Gebäude der Real Aduana, des ehemaligen königlichen Zollamtes. Trotz des "zeitgenössisch" im Namen, springt die Zeit, sobald man den Saal betritt, rückwärts. Verspielt, vielgestaltig, jedes Bild eine Überraschung, neben einigen internationalen Stars wie Dominguez und Manrique hängen dort Werke unbekannterer Künstler, nicht minder interessant, überwiegend kanarische Moderne. Ja, die gab es wirklich, knapp über 300.000 Einwohner hatte die Insel, aber eine eigene künstlerische Moderne. Angestoßen von einem Aficionado, einem Begeisterten.

Für Eduardo Westerdahls Tätigkeiten gäbe es viele Bezeichnungen: Kassierer der Privatbank Jacob Ahlers wäre eine, denn so verdiente er seinen Lebensunterhalt. Schriftsteller, Zeitungsherausgeber, Netzwerker, Kunstkritiker, Kurator, Fotograf wären andere. Aber keine dieser Bezeichnungen gibt angemessen sein Schaffen wieder. Denn eigentlich tat er nichts anderes als die meisten in Santa Cruz de Tenerife, dem kleinen Freihafen am Rande des Atlantiks: Er importierte. Im Falle Eduardo Westerdahls allerdings Ideen. Auf einer Insel, deren Einwohner zu einem guten Drittel Analphabeten sind, benachbart nur der Westsahara, ohne Geld, Ausbildung, Erfahrung und mit kaum Kontakten, gründet er Anfang der Dreißigerjahre eine internationale Kulturzeitschrift. Diesen Anspruch trägt die Gaceta de Arte ab ihrer 13. Ausgabe auch stolz auf ihrem Titelblatt vor sich her, und das zu Recht.

1902 als Sohn eines früh verstorbenen schwedischen Händlers und einer Canaria geboren, ist Westerdahl mit 16 Jahren gezwungen, die Handelsschule zu verlassen, seine Alma Mater wird die öffentliche Bibliothek. Sein Freundeskreis ist kunstaffin, mit den späteren Wegbegleitern Domingo Perez Minik und Pedro Garcia Cabrera spielt er als Kind, später kommt der Maler Domingo Lopez Torres hinzu. Er selbst schreibt Lyrik, Kurzgeschichten, Zeitungsartikel, jugendlich begeistert vom Fortschrittsglauben und Originalitätsimperativ des Futurismus, ohne dessen nationalistische Einschläge zu übernehmen. Seine Texte kollidieren fröhlich mit der vorherrschenden folkloristischen Kunstauffassung der Escuela Regionalista.

Den entscheidenden Impuls erhält Eduardo Westerdahl jedoch auf einer von seinem Arbeitgeber Jacob Ahlers finanzierten Europareise, auf der er eigentlich Deutsch lernen soll. Es sei zu seinen Gunsten vermutet, dass er sich unterwegs auch Sprachkenntnisse aneignet, in erster Linie studiert er die auf dem Kontinent explodierenden Strömungen der Moderne. Er macht Station in Paris, Rotterdam, Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt, Berlin, Stuttgart, München, Bratislava und Prag. Kauft eine Lithografie von Franz Marc, einen Druck von Kandinsky, rast durch Museen, Galerien wie Caspari und Flechtheim, sieht Stücke von Piscator und Reinhardt, Charlie Chaplin im Kino. Symbolismus, Futurismus, Neue Sachlichkeit, Konstruktivismus, Dadaismus, Kubismus, Surrealismus, ihn begeistert alles. Noch von unterwegs schreibt er Perez Minik, er werde eine Zeitung gründen, er zähle auf ihn, Garcia Carbrera und Lopez Torres. Er beginnt Adressen einzusammeln, bettelt, vorgestellt zu werden, und dann kommt Dessau. "Meine Augen voller Häuser und Fenster, mein Körper nichts als Architektur", schreibt er in sein Journal. Die Begegnung mit dem Bauhaus verändert sein ästhetisches Empfinden nachhaltig.

Das Titelblatt der im Februar 1932 erscheinenden 1. Ausgabe der Gaceta ist der Bewegung gewidmet, die parallel von der Redaktion organisierte Ausstellung el mueblo moderno besteht fast ausschließlich aus Bauhaus-Entwürfen. 38 Ausgaben der Gaceta werden erscheinen, thematisch weit gefächert, Surrealismus, Goethe, Picasso, Dalí, funktionalistischer Architektur nebeneinander. Aber allen ist gemeinsam, dass sie oft das Wegweisendste behandeln, das in den kontinentaleuropäischen Ateliers gerade produziert wird. Ein Umstand, der zur Kooperation mit Omnibus, der Zeitschrift der Galerien Flechtheim, führt. Als Redaktionsbüro der Gaceta dient die meiste Zeit das Wohnzimmer von Westerdahls Mutter, bei der er auch lebt.

Das bewusst Eklektische ihrer inhaltlichen Ausrichtung ist dem Versuch geschuldet, den Geist der Epoche zu erfassen, der für Westerdahl in ihrer Vielgestaltigkeit, dem Stilpluralismus, dem gleichberechtigten Nebeneinander sich auch ausschließender Positionen besteht. Sieben Bücher überwiegend kanarischer Autoren gibt die Redaktion heraus, organisiert Ausstellungen, unter denen sicher die Arte Surrealista im Mai 1935 herausragt. Die Liste der Künstler, die ihre Werke auf die Insel schicken, liest sich wie ein Who’s who der Avantgarde: Man Ray, Arp, Maar, Klee, Max Ernst, Dalí, Picasso, Giacometti, Tanguy, Oppenheim, Duchamp, Magritte, De Chirico, Bellmer. Begleitet werden die Bilder von André Breton, Jacqueline Lamba und Benjamin Péret, die zwei Wochen als Gäste der Gaceta auf der Insel verbringen. Die parallele Aufführung des Filmes L’Âge d’Or von Buñuel wird zunächst von den Behörden verboten, dann erlaubt.

Die kurze Ära der Gaceta de Arte endet jäh durch den Militärputsch im Juli 1936. Von einem auf den anderen Tag wird sie undenkbar. Ihr Erscheinen eingestellt, die Kopie von L’Âge d’Or wird auf einer Brache vergraben, eine frisch gedruckte Willi-Baumeister-Monografie sofort vernichtet, jegliche Verbindung zu Künstlern vom Kontinent abgebrochen. Die Mitarbeiter der Redaktion werden verfolgt, Garcia Cabrera kommt zehn Jahre in Haft, Perez Minik wird drei Monate im Lager Fyffes gefangen gehalten, Domingo Lopez Torres dort ermordet.

Eduardo Westerdahl bleibt nur innere Emigration, jahrelang sitzt er still hinter seinem Bankschalter. Erst Ende der Vierzigerjahre lässt die politische Lage eine Wiederaufnahme der Aktivitäten zu. Er organisiert eine Reihe weiterer Ausstellungen, überwiegend kanarische Moderne, schreibt Artikel, heiratet 1955 die französische Künstlerin Maude Bonneaud. Die letzten Jahre bemüht er sich um eine Möglichkeit, seine über Jahre zusammengetragene Kunstsammlung dauerhaft ausstellen zu können. Und erreicht auch das: El Museo de Arte Contemporáneo Eduardo Westerdahl in Puerto de la Cruz, seiner Sammlung und seinem Leben gewidmet.