Im Zimmer 219, gelegen am Ende eines langen Krankenhausflurs, ist es an diesem Nachmittag ganz still. Gerade sind hier drei Menschen eingezogen, eben hat sich die Tür hinter ihnen geschlossen. All das Hin und Her der Klinik, das Gebimmel der Aufzüge, die Schritte hastender Schwestern, das Rollen der Betten auf Linoleum, es scheint plötzlich weit entfernt.

Da liegt, in einer kleinen Wanne aus Plastik, ein winziges Wesen. Eingepackt in Decken und Tücher. In seinem Schlaf bewacht von einem Teddybären. Der Kopf des Kindes: noch zwergenhaft und fremd. Auf der Stirn ein, zwei Spritzer Blut.

Da liegt, in einem Bett aus hellem Holz, eine Frau Mitte 30 in einem weiten weißen Hemd. Darauf ein, zwei Spritzer Blut.

Und da steht ein müder Mann, schmal und blass. Sie könnten sich nun mit ihrem Kind "vertraut machen", meinte der Pfleger, der die drei in einer Art Golfcart aus dem Kreißsaal hergefahren hat. Als habe er einen Auftrag empfangen, steht der Mann jetzt vor der Wanne und schaut hinab. Ist blind für die Szenerie jenseits der Fenster, norwegisches Naturschauspiel mit Hügeln und Birken und wehenden Blättern am Stadtrand von Oslo. Ist auch blind für den Bildschirm seines Smartphones, der sich gefüllt hat mit Kommentaren zu dem Foto, das er vorhin verschickt hat – ein Bild des Babykopfs, dazu ein Wort: Hei!

Kurz vor der Entlassung aus dem Krankenhaus: Vater Magne zieht seiner neugeborenen Tochter Alba einen Strampelanzug an. © Jonas Bendiksen/ Magnum Photos / Agentur Focus für DIE ZEIT

"Was für ein tolles Mädchen! Herzlichen Glückwunsch!"

"Ich stehe gerade im Ikea und weine."

"Ich freu mich drauf, sie kennenzulernen. Wie groß ist sie?"

Eine Frau. Ein Mann. Ein Baby. Seit 10.42 Uhr an diesem Tag im Oktober 2018 sind sie eine Familie: die Norweger Carina Alice Bredesen und Magne Mellem Enoksen und ihr erstes Kind, 54 Zentimeter und 4035 Gramm und noch ohne Vornamen, weil seine Eltern ihm zunächst "begegnen" wollten, ehe sie die Namensfrage zu Ende diskutieren, wofür sie aber jetzt zu erschöpft sind. Und zu glücklich.

In die Ruhe hinein ein Schrei.

Magne, der Vater, nimmt die winzige Hand.

Das Schreien hört nicht auf.

"Ich glaube, sie will auf deinen Arm", sagt Carina, die Mutter.

"Ich hab ein bisschen Angst, sie zu nehmen."

"Probier doch mal."

Unendlich behutsam schält der Vater seine Tochter aus den Decken, nimmt sie hoch, "sie ist so leicht", ihr Kopf in seiner Hand, ihr Körper an seiner Brust. Kurz darauf ist es wieder still im Zimmer 219.

In ähnlicher Stille und doch ganz woanders, 8.800 Kilometer weiter östlich, tief in der mongolischen Steppe, windet sich im Morgenlicht ein junger Mann aus dem Bett. Er hat in voller Montur geschlafen, in Strickpullover, Jeans und Socken. So leise wie möglich schlüpft er in Lederstiefel und schleicht aus seiner Jurte. Nur nicht den dünnen Schlaf der zwei anderen Menschen zerreißen, mit denen er sich seit einigen Wochen eine Matratze teilt. Reglos liegen beide da. Seine Frau Zoljargal. Und Buyanzaya, sein Baby. Bis zum Hals hinauf eingepackt, eng und stramm wie ein Paket. Auf dem Kopf dichtes, dunkles Haar. Die Stirn mit Asche geschwärzt, damit die Geister der Nacht es nicht finden.

© Sven Zellner / Agentur Focus für DIE ZEIT

Draußen schnauben die Pferde. Der junge Mann, Yondonjamts mit Namen, sattelt eine Stute und reitet los, wie jeden Morgen. Er galoppiert durch baumloses Grasland, eine endlose, blassgrün-gewellte Landschaft, frei von Straßen, Häusern, Zäunen. In dieser Weite will Yondonjamts die Kühe der Familie zusammentreiben. Nach Sonnenaufgang wird seine Frau sie melken. Jetzt, da sie wieder bei Kräften ist.

Im kolumbianischen Dschungel ist die Hitze schon am Vormittag unerträglich. Im Schatten einer Hütte aus Pappe und Wellblech schläft in einer Hängematte ein nacktes Baby, auf seinem Bauch drei Mückenstiche. Deivis, fünf Monate alt. Ein properer Junge, dem man nicht mehr ansieht, dass er früher und kleiner auf die Welt gekommen ist, als seine Eltern erwartet hatten.

Der fünf Monate alte Deivis wächst in einer Hütte im kolumbianischen Dschungel auf. © Jonas Wresch / Agentur Focus für DIE ZEIT

Neben dem Baby sitzen Männer auf Plastikstühlen und trinken das erste Bier des Tages. Wenn Deivis sich in seiner Hängematte regt, schaukelt sein Vater Miguel ihn mit der freien Hand zurück in den Schlaf.

Vor der Tür zur Hütte liegen Soldatenstiefel, drinnen steht Deivis’ Mutter Yolanda am Herd und schneidet helles Fleisch in Stücke. Sie kocht das Mittagessen. Rindermagen-Suppe. "Die liebt er", sagt sie.

An ihrem Handgelenk hat sie eine Narbe. "Nur ein Streifschuss", sagt sie. Eine der vielen Erinnerungen an den Krieg, in dem Yolanda fast ihr halbes Leben als Guerillera gekämpft hat. Sie und Miguel, die nicht wissen, wie viele Leben sie in all den Jahren genommen haben, es auch nicht wissen wollen, sind nun erfüllt davon, dass sie ein Leben gegeben haben.