Der Liedermacher Gerhard Gundermann (1955–1998) bei einem Auftritt in Cottbus 1993 © Rainer Weisflog

In der fünften Klasse muss das gewesen sein. Wir saßen im neuen Raum für den Musikunterricht im neuen Mehrzweckgebäude. Unter uns, eine Etage tiefer, die Turnhalle. Ich konnte hören, wie die Kletterstangen in ihren Halterungen, festgeschraubt an der Decke, gegeneinanderschlugen. Wie Bälle gegen Torpfosten geschossen wurden. Deichmannturnschuhe über Linoleumboden quietschten. Vor mir und meinen Mitschülern lag der Zettel mit einem Lied. Keine Noten, nur ein handgeschriebener Text. So oft kopiert und dann von der Kopie wieder kopiert, dass sich ein schwarzer Druckfarberand gebildet hatte und die Schrift kaum mehr leserlich war. "Das ist mein Lieblingslied", sagte unsere Lehrerin, Frau Liebau. Das war ihr letztes Jahr an der Schule, danach würde sie in Rente gehen. Sie wohnte damals in einem Haus am Rande der Baustelle, wo ein Hundenetto gebaut wurde. Kein deutscher, sondern ein dänischer Netto. Ich konnte mir keine bessere Lage für ein Haus vorstellen.

Wir sangen Frau Liebaus Lieblingslied, nachdem sie es uns vorgesungen hatte. Ich weiß nicht, ob es ihr gefallen hat. Ob wir ihrem Lied gerecht wurden. Ihrer Vorstellung davon, wie man es zu singen hatte. Wahrscheinlich nicht. Ich erinnere mich daran, dass man den Refrain so gut betonen konnte. Jedes Wort einzeln. Dieses "Immer wieder wächst das Gras". "Still". "Und". "Hoch". "Und". "Grün". Mich hat beeindruckt, wie einfach dieses Bild war. Dass eine Sense kommen würde und ihre Kreise zieht. Und dass das Gras zurückkommt. Immer wieder. Blass wie ich. Und all die Wunden zuklammert.

Ich hatte das Lied vergessen, den Sänger kannte ich nie. Aber als ich auf den Kinotrailer zu Gundermann stieß und dann, interessiert an diesem Typen, der unweit von meiner Heimatstadt, in Hoyerswerda, gewohnt hatte, herausfinden wollte, was er so gesungen, was er so geschrieben hat, da stieß ich auf Gras. Gleich das erste Lied. Ich habe weinen müssen, weil ich mich fragte, wo dieses Lied die ganze Zeit gewesen war, wo ich gewesen war währenddessen, wer ich geworden war. Und was Frau Liebau jetzt machte. Ich habe jedes Lied, das ich hören, jeden Text, den ich lesen und jede Platte, die ich kaufen konnte, zu konsumieren versucht. Alles, was ich finden konnte. Da singt einer über Abschied und Untergang und weiß, dass es egal sein wird. Dass der Schmerz, so brachial er einem erscheint, bald wieder ganz nichtig ist. Und dass diese Nichtigkeit viel schmerzhafter ist als der Ursprung, der Ausgangspunkt. Ja überhaupt erst richtig wehtut. Wie allein man eben ist. Wie man nichts gilt. Wie man sich abmühen kann.

Gundermann hat viel in die Natur getragen, viel hineinprojiziert. Er will den Wald zurück und die Vögel und endlich wieder weißen Schnee. Aber er wusste auch, von seinem Baggerstand aus, dass er sich an der Natur schuldig machte. Er wusste um seine Rolle. Das Gras wächst sowieso wieder, damit tröstet er sich. Und gleichzeitig ist er stolz auf seine Arbeit, stolz auf seine Maschine. Zusammen halten sie das Land warm. Sein Land, seine DDR. Jeden Winter aufs Neue. Er schien ja wirklich daran zu glauben.

Ohne dass ich es bewusst wahrgenommen hatte, war Gundermann immer schon da gewesen, immer mal wieder. In der fünften Klasse der Mittelschule, in den Ausflügen nach Hoyerswerda mit meinen Großeltern, in den Erzählungen meiner Eltern und in diesen riesigen Löchern, die wir "den Mond" nannten.

Ich kenne keine besseren Texte über Heimat, ob aus dem alten oder dem neuen Deutschland, so sentimental und trotzdem kitschbefreit, wie die von Gundermann. Wie viel Mitgefühl er für seine Kollegen im Tagebau aufbringt, als diese, wie er, arbeitslos werden. Wie er ganz offensichtlich mit dem neuen politischen und kapitalistischen System fremdelt und überfordert ist. Er hatte ja Träume, er wollte ja mehr. Das ist mit das Beste, was je in der Lausitz und über die Lausitz geschrieben wurde.

Ich erinnere mich an das Lieblingslied meiner neuen Musiklehrerin. Lemon Tree von Fools Garden. Es war mir damals schon absolut gleichgültig.