2018: Das war ihr Jahr © Nigel Buchanan fu\u0308r DIE ZEIT

Fangen wir am besten ganz hinten an: Da steht Trotzkopf Nummer eins, der Wutbürger mit dem Hut vor der Deutschlandfahne. Er war Mitarbeiter im sächsischen Landeskriminalamt und glaubte, es den Medien auf dem Weg zur Pegida-Demonstration in Dresden mal so richtig zeigen zu müssen. Jetzt ist er ruiniert. Er kann einem schon fast wieder leidtun.

Ganz rechts am Rand ein anderer Sturkopf: Recep Tayyip Erdoğan will es mit der EU aufnehmen, aber auch mit den USA, den Saudis und natürlich mit Israel. Doch wehe, jemand trotzt ihm ...

In seinem Kielwasser schwimmt Mesut Özil, der nach seinen trotzigen Tweets einen ziemlich ruppigen Abschied aus der deutschen Nationalmannschaft nahm.

Wechseln wir daher lieber auf die andere, erfreulichere Seite: Da heiratet die junge Schauspielerin Meghan Markle ins britische Königshaus ein, trotz ihrer bürgerlichen, ihrer afrikanischen und – was das Schlimmste ist – ihrer amerikanischen Herkunft. Der Audi-Chef Rupert Stadler rechts von ihr musste wegen Verdunkelungsgefahr in U-Haft, trotz seines schneeweißen Images als Saubermann in der Dieselaffäre. Und die Bürger, denen der Diesel jahrelang als umweltfreundlichste aller Möglichkeiten verkauft wurde, werden langsam trotzig, sie sammeln sich jetzt, um zu klagen.

Wir von der Presse betrachten die Gesellschaft oft unter dem Vorzeichen des Alarmismus, der Gereiztheit, der Wut. Blickt man aber zurück auf dieses bewegte 2018, sieht man nicht bloß den schlecht gelaunten, beleidigten Trotz, sondern auch jede Menge produktiven Trotz, eine Art mutiges und zukunftsfreudiges Aufbegehren. Denn Trotz ist immer auch eine Kraft nach vorn. Und jeder, der von dieser Kraft erfasst wird, kann – wenn er will – das Neue erkennen.

Zum Beispiel Emma González, die fast kahl rasierte 18-Jährige. Sie beschritt nach dem Amoklauf an ihrer Schule in Parkland den Weg des Martin Luther King und führte einen vieltausendköpfigen friedlichen Aufstand gegen die amerikanische Waffenlobby an.

Oder die Professorin Christine Blasey Ford (mit Brille): Obwohl sie wusste, dass sie das Ziel von Hasstiraden aus dem gesamten rechten Amerika werden würde, wagte sie sich mit ihrer Geschichte in die Öffentlichkeit. Sie wollte verhindern, dass Brett Kavanaugh, von dem sie sagt, er habe vor Jahrzehnten versucht, sie zu vergewaltigen, ein oberster Richter der USA wird. Hinter ihr die beiden hartnäckigen Angies: Immer wieder stehen sie auf, immer wieder treten sie an, allen Niederlagen, Kränkungen, verlorenen Matches zum Trotz. Angelique Kerber auf den Tennisplätzen der Welt. Angela Merkel als schwarze Dame auf dem Schachbrett der Macht.

In der Mitte des Bildes prangt Kylian Mbappé, der Blitz auf dem Rasen, die trotzige Hoffnung aus den Banlieues, jenen verrufenen Vorstädten von Paris. Er ist der umsichtigste Weltmeisterfußballspieler – trotz seiner 19 Jahre.

Eigensinn und Widerstand kommen sogar aus der Tier- und Pflanzenwelt: Die Honigbiene – trotz aller Abgesänge ist sie immer noch da und nistet mit ihren tausend Schwestern neuerdings auf den Balkonen der Großstädte (rechts oben sieht man sie fliegen). Und auch das Nördliche Breitmaulnashorn (rechts unten ragt es ins Bild) wird es höchstwahrscheinlich weiter geben, obwohl es doch eigentlich schon ausgestorben ist. Ein künstlich erzeugter Rhinozeros-Embryo sucht derzeit eine Leihmutter.

Alle Fans vom Herrn der Ringe wissen, dass es die Bäume sind, denen in der Endschlacht die kriegsentscheidende Rolle zufällt. Die brauchen freilich sehr, sehr, sehr lange, bis sie den Entschluss fassen, sich zu wehren – dann aber sind sie nicht aufzuhalten. Der ungeheure Trotz der Bäume und ihrer kleinen Reiter (einer ist im Bild) zeigt sich derzeit im Hambacher Forst.

Und sonst? Bleibt nur noch der Sommer, mit Sonnenbrille und Smoothie links vorn im Bild: Er war heiß, er war trocken, er war teuer. Er trinkt immer noch mit Strohhalm!

Er war trotzdem schön.