Am beglückendsten ist es doch immer, der Schönheit unversehens zu begegnen – etwa an einem jener nasskalten Märzabende, an denen die typische Berliner Spätwinterverdrießlichkeit durch alle Ritzen kriecht und man in Ermangelung anderer Aufheiterungen dem Rat des Freundes eines Freundes zu folgen bereit ist, dem Rat, mitten in der Woche ein Konzert in einem winzigen Jazzclub zu besuchen, der so nah an der eigenen Neuköllner Wohnung gelegen ist, dass selbst eine musikalische Enttäuschung und eine sofortige Heimkehr wenig mehr Zeit als ein Gang um den Block beanspruchen würden.

Der Club in der Donaustraße trägt nichts als die eigene Hausnummer im Schild und ist, bemerkt man beim Eintreten, auch sonst ausgesprochen schmucklos – ein funktionaler Tresen, über den ausschließlich Flaschenbier geschoben wird, eine Reihe von Barhockern, gegenüber weniger eine Bühne als eine für den Auftritt reservierte Ecke, und der gesamte, nicht allzu große Raum geschmückt und beheizt, so scheint es, einzig und allein von jüngerem Berliner Publikum.

Das Kayan Project wird hier heute spielen, ein Name, der neugierig macht, aber rätselhaft bleibt – bezieht sich Kayan auf ein Departement in Burkina Faso, auf die Volksgruppe in Myanmar, einen Fluss auf Borneo? Oder hilft es, zu wissen, dass kayan im Türkischen "gleitend" bedeuten kann? Dies immerhin schüfe eine Verbindung zum Endgültigkeit vermeidenden "Project" im Namen der Band, denn die, so wird man später lesen, tritt in wechselnder, also durchaus gleitender Besetzung auf – ab und zu kommt ein Gitarrist hinzu, auch wechselnde Schlagwerker. Hier und jetzt aber beginnt neben dem Kontrabassisten Or Rozenfeld, begleitet von minimalistischer Perkussion mit Rassel und Rhythmus-Ei, ein meisterhafter Ud-Spieler, Wasim Mukdad aus Damaskus, zu musizieren, bannt schon mit den ersten Tönen, konzentriert über die Saiten gebeugt. Wie Musik es schafft, noch das nüchternste Ambiente nach wenigen Takten in eine magisch funkelnde Grotte zu verwandeln! Die virtuos gezupfte Ud und das Gleiten und Schnalzen und kunstvolle Stolpern des Kontrabasses treffen sich irgendwo im Grenzbereich zwischen Folk und Jazz, und auch im wunderbaren Gesang der Liedermacherin Eden Cami klingt beides an, die in trauter, später Runde angestimmte Ballade oder wehmütig-wärmende Volkserzählung und die virtuosen Kadenzen des Jazz.

Das gesamte Ensemble stammt aus verschiedenen Ländern des Nahen Ostens, sie selbst aus Israel und aus Palästina, mit einer Betonung womöglich auf dem "und", sodass sie sich zwei Sprachen und zwei Kulturen verbunden fühlt. Tatsächlich sind es nicht nur musikalische und stilistische Grenzen, die durchlässig werden, weil Eden Cami sowohl auf Hebräisch als auch auf Arabisch singt, und so finden arabische wie hebräische Poesie durch ihre Stimme, durch Ud, Bass und Schlagwerk zur Musik. Bei solch einem kleinen Wunder darf das Bier in den Flaschen ruhig vergessen, darf es schal werden, und man lauscht stattdessen Liedern, die Titel wie Hal Asmar Ellon oder auch Yad Anuga tragen, was "zarte Hand" bedeutet, ein Stück, das eine Beduinenmelodie mit einem hebräischen Gedicht kombiniert: "Auf ihrer Stirn spielte das Licht / Der Tau der Kindheit ist voller Pracht / Oh Mutter, der Tau der Kindheit ist voller Pracht / Ah, doch in jener klaren Nacht / Als der Schatten des Dickichts sie fortspülte / Da gab sie ihm ihr Herz". Wirklich: Als man irgendwann, später als erwartet, den Club verlässt, beschwingt hinaustritt in die dunkle Donaustraße, spürt man sofort, dass der Mai im Grunde schon fast vor der Tür steht.