Eine Hose für alle

Im Frühjahr brachte die Kellnerin in Köln-Ehrenfeld mit dem Stück Karottenkuchen auch eine Portion Gewissheit an den Bistrotisch: Nicht viele Trends kommen wieder, sondern alle. Die junge Frau, vielleicht Anfang 20, vielleicht Studentin, jedenfalls sehr hip, trug zu dem ausgeleierten T-Shirt und den klobigen Turnschuhen eine kurze schwarze Radlerhose.

Die über dem Knie endende Leggings hatte Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger gefühlt die ganze Welt in ihren modischen Bann gezogen – mit Sicherheit aber die Goetheschule in meiner Heimat Darmstadt: Wer als Grundschüler etwas auf sich hielt, wählte sie als Beinkleid, solange es die Temperatur irgendwie zuließ. In glänzendem Schwarz, Metallic-Pink oder grafisch gemustert. Das Teil war so angesagt, dass es selbst vor dem britischen Königshaus nicht haltmachte: Prinzessin Diana kombinierte die Radlerhose zum weiten Pullover. Bis dann alle, inklusive Grundschüler, irgendwann anfingen, sich dafür zu schämen. Dass man sie je wieder schön finden würde? Ausgeschlossen!

Doch in der Mode sieht man viele Dinge gehen und wiederkommen: Levi’s Jeans, Helly-Hansen-Jacken, Buffalo-Boots, Schlangenmuster, Lackröcke. Der Radlerhose jedoch blieb ein Comeback lange verwehrt. Nachdem sie in den Neunzigern vom Trend zum No-Go wurde, gab es für sie nur noch zwei passende Kombinationsmöglichkeiten: Fahrradhelm und Trikot (für das Original mit eingebauten Po-Polstern) oder Cellulite und Ballkleid (wo sie als Unterzieher mit "Shaping-Funktion" diente).

Die Kellnerin in Köln-Ehrenfeld hatte weder ein Problem mit Cellulite noch ein Rennrad in der Nähe. Sie trug die Hose als modisches Statement. Genauso wie das Model aus London auf Instagram, die Bloggerin aus Kopenhagen, die Influencerin aus Berlin, die die einstigen Sporthosen zum langen Blazer kombinierten. Plötzlich war die Radlerhose überall. "Modehorror", "Die Modesünde ist zurück" und "Oh Schreck", titelten Zeitungen und Magazine.

In der Frauenmode war dieses Comeback mit Sicherheit der auffälligste Trend des Jahres 2018. Das belegen Analysen von Google: Die Suchanfragen nach der Hose sind diesen Sommer in Deutschland um 50 Prozent gestiegen – und haben sich im Vergleich zu 2016 sogar verdoppelt. Bei H&M ist die Radlerhose für 7,99 Euro in allen Größen ausverkauft, auch bei Asos sind die meisten schwarzen Modelle vergriffen. Beim Luxuslabel Burberry war die Version für über 250 Euro ebenfalls zeitweise out of stock.

Einige sprechen das Comeback der Radlerhose einem Nineties-Revival, andere den Kollektionen von Marken wie Saint Laurent, Nina Ricci und Off-White zu. Doch in Wahrheit hat die Modewelt alles nur einer einzigen Frau zu verdanken: Kim Kardashian West. Der US-TV-Star ist mit 118 Millionen Fans allein auf Instagram mindestens so einflussreich wie alle Modezeitungen der Welt zusammen. Sie trägt die Radler seit über einem Jahr und präsentiert sie (und damit ihre Rundungen) in verschiedenen Kombinationsmöglichkeiten. Ganz uneigennützig ist das nicht, denn ihr Mann Kanye West ist nicht nur Rapper, sondern auch Modedesigner und propagiert den Trend schon lange.

Zunächst beeindruckte das den Modemarkt nur wenig. Bis Ehefrau Kim anfing, die Hosen zu tragen. Es folgten Stars wie Bella Hadid und Hailey Baldwin. Selbst wenn man Tausende von Plakaten in allen Weltmetropolen aufgehängt hätte, wäre die Reichweite wohl geringer gewesen.

Teenager tragen die Modelle nun weltweit, mit knappen oder XXL-Tops und Turnschuhen, Frauen ab 20 dann immer öfter mit Blazer oder zu großer Bluse und High Heels. Mit dem Winter wird die Radler wohl eine kurze Pause einlegen – um 2019 kommerziell durchzustarten: Gerade sind die internationalen Designerschauen für das nächste Jahr gelaufen, und auf fast keinem Laufsteg fehlte die Radlerhose. Bei Jil Sander gab es sie klassisch in Schwarz, bei Hugo in leuchtendem Neongelb. Nur Metallic-Pink fehlte noch. Aber das kommt. Ganz sicher.

Nina Piatschek