Eine Handtasche für ihn

Ein neues Mobiltelefon ist etwa so groß wie eine Tafel Schokolade und wiegt doppelt so viel. Ein gewöhnlicher Schlüsselbund ist etwas leichter, hat aber eiserne Spitzen und Zähne, die aufgefächert in alle Richtungen abstehen wie bei einem mittelalterlichen Mordwerkzeug. Und Portemonnaies? Sind wegen der deutschen Neigung zum Bar- und Münzgeld meist schon nach wenigen Tagen des Gebrauchs auf Größe und Gewicht von Pflastersteinen angeschwollen.

Sie wissen, worauf ich hinauswill. Zumindest, wenn Sie ein Mann sind. Denn während Frauen den ganzen Plunder einfach in ihren Handtaschen versenken, steht unsereiner jeden Morgen vor derselben Herausforderung. Es gibt nicht genügend Gesäß- und Sakkoinnentaschen für Handy, Schlüssel, Portemonnaie, Schlüsselkarten fürs Büro oder Fitnessstudio, saisonabhängig eine Sonnenbrille, Allergietabletten oder Papiertaschentücher, außerdem Zigarettenetuis (für Exzentriker), Taschenbücher (für Nostalgiker) und umweltfreundliche Mehrwegbecher aus Bambus (für den Coffee to go). Im Sommer kann man notfalls auf Cargo-Shorts ausweichen. Doch jetzt, im Winter?

An der objektiven Notwendigkeit von Handtaschen für Männer kann deshalb kein Zweifel bestehen. Sie sind schlicht vernünftig.

Doch wie Menschen sich kleiden und welche modischen Accessoires sie tragen, ist leider selten von Vernunft bestimmt. Dafür unter anderem von Ängsten. Beispiel Herrenmode: Wir heterosexuellen Männer haben zwei große Ängste beim Klamottenkauf. Erstens fürchten wir, uns vor Frauen lächerlich zu machen. Und zweitens fürchten wir, vor unseren männlichen Rivalen Schwäche zu zeigen und als verweiblicht zu gelten.

Die Herrenhandtasche hat es folglich nie leicht gehabt. In den 1970er-Jahren hatte sie eine kurze Zeit der Blüte, danach landete sie wieder in der Verbannung. Sie wurde gebraucht, aber mehr noch gefürchtet und gehasst. Vor zehn Jahren (damals clipte sich mancher in seiner Not das Mobiltelefon noch hausmeistermäßig an den Gürtel) sah es so aus, als würde das Modelabel Freitag unser Dilemma lösen. Die Schweizer Firma brachte unter unverdächtigen Namen wie Willy und Horst einige Herrenhandtaschen auf den Markt. Ein unternehmerisches Debakel: Selbst die in Gender-Fragen sonst fortschrittliche Redaktion der taz warnte damals vor "schlechtem Geschmack", "Modeexzessen" und dem "verstörenden Anblick" der "Taschen-Mannzipation". Herrentäschchen habe ich danach nicht mehr lange in den Läden gesehen und auf der Straße schon gar nicht.

Das bedeutet nicht, dass Männer niemals Taschen tragen: Bürgersöhne flanieren gerne mit jenen Beuteln durch den Kiez, die sie in ihrer Kindheit gehasst haben (Jutebeutel, Turnbeutel). Unironischere Typen erlauben sich große und klobige Behältnisse, die entweder nach Arbeit aussehen (Aktentasche, Messenger-Bag, Trolley) oder wenigstens nach Sport (Gym-Bag, Treckingrucksack). Für den Transport von Handy, Schlüssel, Portemonnaie ist das alles unverhältnismäßig. Doch das kleine, praktische Täschchen für den Alltagskrimskrams blieb uns jahrzehntelang verwehrt.

In diesem Jahr wurde das anders. Auf den Straßen der Großstädte, in Hamburg, Frankfurt, selbst in Hannover, sehe ich seit Wochen Männer mit Täschchen. Die sind oft in einem dunklen Farbton gehalten, meist aus Nylon statt aus Leder, haben Klick- und Reißverschlüsse.

Die "Taschen-Mannzipation" ist also doch noch gekommen. Nicht durch Willy und Horst. Sondern durch Täschchen, die in Online-Shops wie Zalando ("Herren-Taschen für deinen agilen Lifestyle") als "Hip Pack", "Waist Bag" oder "Bum Bag" bezeichnet werden. Zu Deutsch: Gürteltaschen. Bloß dass man sie nicht mehr am Gürtel trägt, sondern sie am dünnen Riemen um den Hals hängt oder diagonal über Brust und Rücken schnallt.

Es gibt Täschchen von allen erdenklichen Marken, wobei die Machart jeweils so ähnlich ist, dass sie oft nur das Logo unterscheidbar macht. Beim Luxuslabel Balenciaga gibt es zum Beispiel eine Tasche aus rotem Nylon. Sie sieht aus, als wäre sie ein Standardmodell von Eastpak, kostet aber zwanzigmal so viel: 550 Euro. Bei Gucci reicht die Preisspanne von 490 bis 1490 Euro. An richtig teure Damenhandtaschen wie die Birkin Bag von Hermès kommen diese Preise zwar noch nicht heran, aber immerhin.

Zu verdanken haben wir das Phänomen übrigens Kriminellen und Gangstarappern. Drogendealer tragen seit Längerem Gürteltaschen, um ihre Einnahmen darin zu deponieren. Popularisiert wurde der Look von Rappern, die mit Täschchen in Musikvideos und auf Festivalbühnen auftreten. Weil das kantige Typen sind, die von "Bitches" und vom "Mütterficken" rappen, muss niemand, der ihnen modisch nacheifert, fürchten, für weibisch oder schwul gehalten zu werden. Auch Linksautonome sind auf Demos wie zum Hamburger G20-Gipfel manchmal mit Gürteltaschen zu sehen, mutmaßlich, um die Hände frei zu haben, wenn die Wasserwerfer kommen.

Solche Welten der Härte und des Wettbewerbs sind seit je Inspirationsquellen für die Herrenmode. Schon lange kleiden wir uns wie britische Kolonialsoldaten (also in Trenchcoats, Khakis und Desert-Boots), heute auch wie Globalisierungskritiker und wie postmigrantische Jugendliche aus den Banlieues. Das ist ausgleichende Gerechtigkeit. An unseren modischen Ängsten hat sich also nichts verändert. Aber immerhin können wir jetzt Handy, Schlüssel und Portemonnaie ordentlich verstauen.

Oskar Piegsa