DIE ZEIT: Herr Smid, Ihr Institut hat für die ZEIT die Arbeitnehmer in deutschen Unternehmen nach den für sie relevantesten "Themen des Jahres 2019" am Arbeitsplatz befragt. Was beschäftigt die Beschäftigten?

Im Auftrag der ZEIT hat das infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft quer durch alle Berufsgruppen 1.000 Menschen befragt, was sie sich von ihrem Arbeitsplatz wünschen. In der Serie "Mein Job und ich" auf ZEIT ONLINE zeigen wir die Ergebnisse und erzählen die Geschichten dahinter. © Christoph Rauscher für ZEIT ONLINE

Menno Smid: Die Befragung zeigt, dass die Erwerbstätigen eine hohe Affinität zu ihrem Arbeitsplatz haben, die weit über den Zweck hinausreicht, mit der Arbeit Geld zu verdienen. Das zeigt sich unter anderem dadurch, dass der Aspekt "Wohlfühlen am Arbeitsplatz" unter allen Punkten den Erwerbstätigen am wichtigsten ist.

ZEIT: Wichtiger noch als die langfristige Sicherheit des Arbeitsplatzes...

Smid: ...mit kleinem, aber doch bemerkenswertem Vorsprung.

ZEIT: Das heißt, die Menschen sind eher an der Ausgestaltung ihres Arbeitsplatzes interessiert und weniger an dessen Fortbestand?

Smid: Der Arbeitsplatz dient allerdings nicht mehr nur zu Broterwerb und Existenzsicherung, sondern ist Lebensumfeld, er bietet Möglichkeiten, soziale Kontakte zu knüpfen. Arbeit hat heute, mehr als früher, neben dem Einkommenserwerb einen zusätzlichen Stellenwert – der von den Unternehmen befriedigt werden muss. Aber vergessen wir nicht: Die Sicherheit des Arbeitsplatzes folgt mit knappem Rückstand auf Platz zwei der Wichtigkeitsskala. Dennoch lässt sich aus dem Gesamtbild der Befragung erkennen, dass nach zehn Jahren Wirtschaftsboom bei der großen Mehrheit keine unmittelbare Sorge vor dem Verlust des Arbeitsplatzes herrscht.

ZEIT: Seit wann ist das so?

Smid: Da hat es in den letzten Jahren durchaus eine Verschiebung gegeben. Aus anderen Erhebungen wissen wir, dass andere Themen aktuell in sehr viel höherem Maße mit Angst verbunden sind: die Lebenschancen der Kinder angesichts drohender Naturkatastrophen, kleinere und größere internationale Krisen – das besorgt die Menschen in der Tat zurzeit sehr viel mehr als die Sicherheit des Arbeitsplatzes oder die Digitalisierung. Man könnte auch sagen: Die Menschen glauben, dass die Ängste, die im Zusammenhang mit der Digitalisierung formuliert werden, zu bewältigen sind.

"Die Beschäftigten reagieren auf den Wandel der Arbeitswelt nicht mit Angst."
Menno Smid, Geschäftsführer des infas Instituts

ZEIT: Beim Thema "Angst vor Arbeitsplatzverlust durch Digitalisierung" fällt auf, dass es aus Sicht der Menschen zwar in den Medien eine große Rolle spielt, aber in ihrem beruflichen oder privaten Umfeld kaum präsent ist. Wie ist das zu erklären?

Smid: Damit, dass man bei diesem Thema weniger von "Angst" getrieben ist, als manche Medien glauben machen wollen.

ZEIT: Dabei heißt es doch immer, dass insbesondere die Digitalisierung und die damit verbundene Automatisierung der Arbeit von vielen Arbeitnehmern als Bedrohung empfunden wird.

Smid: Hier muss man differenzieren. Die Beschäftigten in Deutschland sind sich wohl bewusst, dass da was auf sie zukommt, dessen Ergebnis für sie – um es vorsichtig auszudrücken – eine Herausforderung darstellt. Sie sehen den Wandel der Arbeitswelt eindeutig, nicht nur als Thema der Medien, sondern auch als eines, das sie beruflich und privat betrifft. Sie reagieren darauf aber nicht mit Angst, sondern mit der Forderung an ihre Arbeitgeber, insbesondere an das Führungspersonal, sie zu unterstützen, wenn es darum geht, sich dieser Herausforderung zu stellen. Das zeigt auch unsere Erhebung.

ZEIT: Was bedeutet das genau?

Smid: Insgesamt bedeutet das, dass sehr realistisch, vernünftig und ohne Angst an die Transformation herangegangen wird, die bevorsteht, jedoch mit einer klaren Einschätzung, dass man selbst etwas tun muss – und dass man dafür unbedingt Unterstützung erwartet.