Wenn Ilker Gündoğan spricht, schimmert ein leichter westfälischer Akzent durch: "sagt" klingt bei ihm nach "sacht". Im Oktober hat er seine Jugendliebe aus Gelsenkirchener Schulzeiten geheiratet. Er spricht Englisch, Deutsch, Mandarin, Türkisch, außerdem ein bisschen Französisch, und Russisch wegen seiner Frau, deren Familie aus der Ukraine stammt. Er unterrichtet Mandarin und kümmert sich in seinem lokalen Fußballverein um Flüchtlinge. Ilker Gündoğan, 29, Sohn eines Lastwagenfahrers, SPD-Mitglied, Bruder des berühmten Fußballers Ilkay Gündoğan, weiß, wie Integration funktioniert.

Doch wenn er über diesen Sommer spricht, kann er seine Ratlosigkeit nicht verbergen. Er sitzt in seinem schmalen, zweckmäßig eingerichteten Büro an der Ruhr-Universität Bochum. Er trägt ein graues T-Shirt unter seinem schwarzen Baumwolljackett, dazu dunkelblaue Halbstiefel. Ilker Gündoğan schreibt hier an seiner Doktorarbeit, über Politik und Fußball in China. Durch die Bäume im Universitätspark fällt orangefarbenes Licht ins Fenster. Wenn es um seinen Bruder geht, wird sein wacher, klarer Blick ein bisschen weicher.

Präsent ist noch die Erinnerung, wie der deutsche Nationalspieler Ilkay Gündoğan von den eigenen Fans im Stadion ausgepfiffen wurde, als er sich im Kreise der DFB-Elf auf die WM vorbereitete. Wie er und Mesut Özil rassistischen Anfeindungen ausgesetzt waren, nachdem sie sich im Mai mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan und ihrem Kollegen Cenk Tosun hatten fotografieren lassen.

Ilker Gündoğan hat die Debatte um seinen Bruder aufmerksam verfolgt. Wie sein Bruder kennt auch er die ständige Infragestellung seiner Zugehörigkeit zu diesem Land – und das damit verbundene Gefühl von Ausgrenzung. Die Deutschen und die Deutschtürken – im Sommer 2018 schienen sie sich wieder in zwei misstrauische Gruppen geteilt gegenüberzustehen.

Schon Mesut Özil hatte dieses Gefühl in seiner Twitter-Rücktrittserklärung ausgedrückt. Miroslav Klose oder Lukas Podolski, schrieb Özil da, würde niemand als Deutschpolen bezeichnen. Warum nenne man ihn also einen Deutschtürken? "Weil ich Türke bin? Weil ich Muslim bin?", fragte Özil. "Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen, warum können die Leute nicht akzeptieren, dass ich Deutscher bin?"

In der verworrenen Affäre, die sich um das Erdoğan-Foto entsponnen hat, gab es hierzulande nur Verlierer. Von der fragwürdigen Motivlage der verschiedenen Akteure einmal abgesehen, waren es grobe Fehleinschätzungen, die den Aufreger in einen handfesten Skandal verwandelten.

Zuerst schätzten Gündoğan und Özil die Wirkung des Fotos falsch ein. Ilker Gündoğan glaubt, ein großes Problem sei, dass sich die Spieler ihrer Rolle in der Gesellschaft nicht bewusst seien – obwohl sie das sollten. Doch in der Affäre nimmt er die Spieler auch in Schutz: Sein Bruder habe gar nicht die Zeit, sich mit solchen Debatten auseinanderzusetzen. Er sei ständig unterwegs, reise mit der Mannschaft, der Druck sei enorm. Irgendwo täten die Spieler Gündoğan auch leid, weil sehr viel von ihnen erwartet werde. Sie müssten sich zu jedem Thema äußern.

Ilker Gündoğan ist zwei Jahre älter als der berühmte Ilkay. Die Brüder haben nicht nur sehr ähnlich klingende Vornamen, sondern sind sich auch sonst sehr nah. Vor ein paar Jahren sagte Ilker Gündoğan einen Platz für einen renommierten Masterstudiengang in London und China ab, weil sein Bruder unter einer komplizierten Rückenverletzung litt. Er studierte stattdessen weiter in Bochum, unweit von Dortmund, wo Ilkay damals spielte.