Kann man auch Angst vor sich selbst bekommen? Ja, ganz offensichtlich – den Beweis erbringen die Sachsen. Michael Kretschmer (CDU), 43 Jahre alt, seit zwölf Monaten Ministerpräsident dieses Bundeslands, hat im Grunde mit nichts anderem zu tun. Die Fragen, denen er ständig begegnet, lauten: Werden "wir" 2019 radikal abstimmen? Wird in Sachsen der Populismus sein erstes echtes deutsches Exempel statuieren? Wird die AfD hier, bei der Landtagswahl im September, also etwa stärkste Kraft? Gar den Ministerpräsidenten stellen?

Kretschmer will all das verhindern. Wie er das macht, kann man zum Beispiel an einem schon sehr winterlichen Dienstagabend beobachten, im Landgasthof Zum Firstenstein, im Dorf Königshain in Ostsachsen, nicht weit von der polnischen Grenze. Königshain, das ist Sachsen im Quadrat: Grenznähe. Autoklau. Wölfe. In Königshain holte die AfD zur Bundestagswahl 2017 mehr als 40 Prozent der Stimmen. In den aktuellen Wahlkreis-Prognosen für die Landtagswahl sind alle ostsächsischen Wahlkreise AfD-blau gefärbt. Und hier fährt nun also Kretschmer vor, um sich dem Zorn des Volks zu stellen.

Im Saal: 120 Bürger. In der letzten Reihe steht zudem die Presse, wohl in schauriger Erwartung. Ob wieder "was passiert"? Springt gleich der Sachse, wie es seinem Ruf entspricht, mit den Füßen auf den Tisch? Sachsen ist in diesem Jahr zum Symbol geworden für eine Demokratie in der Krise. Ein Bundesland wie ein Wetterphänomen: Alle reden darüber, den meisten schwant nichts Gutes, und man fühlt sich irgendwie ausgeliefert.

Kretschmer sieht erschöpft aus, wie eigentlich immer in der letzten Zeit. Er hat ein Jahr hinter sich, von dem er selbst sagt: So etwas habe er noch nicht erlebt.

Da war zunächst ein LKA-Beamter, der mit deutschlandfarbenem Fischerhut auf dem Kopf durch Dresden zog, zu Pegida, und Journalisten beleidigte. Eine Polizei, die dann noch ebendiese Journalisten daran hinderte, die Demo zu filmen, also ihre Arbeit zu tun. Und dann begannen jene Septembertage in Chemnitz, von denen Sachsen sich so schnell wohl nicht erholen wird: Als zunächst ein junger Deutschkubaner ums Leben kam, in einer Auseinandersetzung mit Asylbewerbern. Als danach in Chemnitz alle Dämme brachen. Normalbürger demonstrierten neben Neonazis, junge Deutsche stellten Ausländern nach. Und die Republik diskutierte: War das ein Mob, der da tobte, gab es "Hetzjagden"? Die Bundeskanzlerin fand: Ja. Ihr Innenminister sowie der Verfassungsschutzchef (und auch Kretschmer) fanden: Nein.

Heute sagt Kretschmer, dass er sich in diesen Tagen gefragt habe, ob so eine Stadt auch endgültig kippen könne. "Ob es am Ende noch zu großen Ausschreitungen kommt, ob Menschen zu Schaden kommen könnten", sagt er. Nur weil sie, zum Beispiel, anders aussehen. "Das wollte ich unbedingt verhindern. Das lastete auch auf mir."

Damals fühlte er sich zerrieben zwischen der Erwartung von außen, vor allem aus dem Westen, er möge klare Kante zeigen gegen alle rechtsradikalen Umtriebe. Und den Erwartungen von innen, aus Sachsen selbst: vor den Sachsen-Bashern in Schutz genommen zu werden. Verteidigt zu werden gegen den Vorwurf: Alle Sachsen seien rechtsradikal. Fix und fertig war er damals. Und heute?

Wenn Kretschmer aus Chemnitz etwas gelernt hat, dann: dass er noch viel mehr reden will als sowieso schon. Deshalb fährt er fast permanent durch sein Land. Tritt mal vor 15, mal vor 50, mal vor 500 Leuten auf. Woche für Woche für Woche. Er macht eine Tournee durch den Frust. Selbst seinen Personenschützern sieht man den Stress an, und die dürfen im Schichtdienst arbeiten. Er nicht. Man könnte auch sagen: Während die meisten Kameras jetzt weg sind, ist Kretschmer noch da. Hört sich an, was die Wütenden zu sagen (oder zu brüllen) haben. Will erklären, warum Politik manchmal lange dauert und wieso Lösungen oft nicht einfach sind. Kretschmers Auftritte in Sachsen sind ein gutes Wut-Barometer. In Chemnitz vor einigen Wochen wurde mehr gebrüllt als geredet. Ist das immer noch so?

Im Saal, in Königshain: Ein Gast flüstert einem anderen zu, leise Panik in der Stimme, was 1933 hier, in genau diesem Gasthof, geschehen sei: Damals trat der Sozialdemokrat Otto Buchwald auf, die Bühne sei gestürmt worden. Ein brauner Mob habe den Mann vertrieben. Durch die Türe da drüben sei er geflohen!

Das sind also die Vergleiche, die jetzt im Raum stehen.

Kretschmer aber erntet heute vor allem Applaus. Er hält erst eine geschickte Rede, in der er vor allem Schuld auf sich nimmt für die verfahrene Lage. Ja, seine CDU, die seit 28 Jahren dieses Land regiert, hätte früher merken können, dass vieles schiefläuft. Dass das Land mehr Lehrer, Polizisten, Infrastruktur brauche. Er sei da selbstkritisch. Aber man habe es jetzt verstanden. Dann zählt er die Milliarden auf, die Sachsen investiert.

Solche Reden wären lange undenkbar gewesen. Sachsens CDU war es gewohnt, nach Königin-Art zu regieren. Doch die höfische Staatskultur der Biedenkopf-Ära ist endgültig vorbei. Der sächsische Staat, der seinen Bürgern versprach, er löse ihnen jedes Problem (sofern sie sich ihm unterwerfen) – dieser Staat trifft nun auf Bürger, die rebellisch geworden sind, emanzipiert. Und denen nicht verborgen bleibt, dass der Staat an allen Ecken Probleme hat: Kaum irgendwo sonst in Deutschland sind Behörden und Verwaltung so heruntergespart. Sachsens Obsession war über Jahre das Knausern. Dieses Land war im Verwaltungsmodus. Das mag funktionieren in ruhigen Zeiten.

Die Welt aber ist in Unruhe. Glauben die Leute, dass Kretschmer es schafft, Sachsen wieder in die Spur zu bekommen?

Als Kretschmer in Königshain sein Publikum um Fragen bittet, erhebt sich zuerst ein älterer Herr, und weil er grimmig guckt, denkt man: Jetzt kommt bestimmt die Wut. Der Mann jedoch bedankt sich freundlich – Herr Kretschmer, wie schön, dass Sie hier sind! Er fragt dann, wieso im Moment so erfreulich viel Steuergeld vorhanden sei.