Die Frauen kamen aus weit entfernten Dörfern. Auf ihren kleinen Äckern und Feldern ließen sie die Erdhacken liegen, zogen ihre besten Gewänder an, die buntesten Stoffe. Sie gingen über Pfade aus rotem Lehm. Einige von ihnen waren einen halben Tag lang unterwegs. Andere reisten sogar schon am Abend vorher an, um rechtzeitig in Michika zu sein. In der Kleinstadt im Nordosten Nigerias versammelten sich am späten Vormittag des 28. Mai 88 Frauen und Mädchen. Sie leben in einer Region, die noch vor drei Jahren von der Islamistenorganisation Boko Haram beherrscht wurde. Alle 88 Frauen waren von Boko Haram entführt, verschleppt, missbraucht und versklavt worden.

Das Leid der 276 Mädchen, die 2014 aus einem Internat im Bezirk Chibok entführt worden waren, bewegte die Welt und löste die Hashtag-Kampagne #Bringbackourgirls aus, der sich auch Michelle Obama anschloss. Nur wenig wurde jedoch über die vielen Tausend aus anderen Orten berichtet, denen es in Nigeria genauso erging. Der Boko-Haram-Terror betrifft eine ganze Generation von Frauen. Darüber berichteten wir im Sommer 2015 im ZEITmagazin. Wir veröffentlichten eine Dokumentation über das Schicksal einiger der entführten Frauen, ein Buch, Die geraubten Mädchen, entstand daraus. Die Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai unterstützte die Initiative, und Hunderte Leserinnen und Leser haben bis heute gespendet. Es kamen 80.000 Euro zusammen.

Was tun mit dem Geld? Geld verwandelt sich in Nigeria leicht in Gift. Wie schwierig es ist, in Nigeria zu helfen, wurde klar, als der zuständige Bankmanager vor Ort mit den gesamten Einlagen der ZEIT durchbrannte. Er wurde jedoch wiedergefunden, zeigte sich reumütig, bekannte seine drückenden Spielschulden und zahlte das Geld zurück.

Zwei Partner unterstützen uns in Nigeria: Der Bischof von Yola, der Hauptstadt eines Bundeslandes, sowie ein muslimischer Lokaljournalist, der während der Recherchen unser Übersetzer war. Beide schlugen Frauen als Begünstigte vor, die Opfer von Boko Haram geworden waren. Beide aber empfahlen ausschließlich Angehörige ihrer eigenen Religion, der Christ nur Christinnen, der Muslim nur Muslimas. Selbst unter liberalen Vertretern der Religionen ist die gegenseitige Fremdheit groß. Wir kombinierten die Listen paritätisch, denn nicht nur Christinnen fielen Boko Haram zum Opfer. Vor allem waren es Muslimas. Während hinter den Christinnen eine straff organisierte Kirche steht, die internationale Unterstützung genießt, steht hinter den muslimischen Frauen niemand. Im Gegenteil: Man verdächtigt sie, in ihrer Gefangenschaft zu Boko-Haram-Anhängerinnen geworden zu sein.

Die meisten Frauen gaben an, sie brauchten als Erstes neues Saatgut, um wieder mit der Feldwirtschaft zu beginnen. Sie fragten nach Bohnen. Die Bohnensorten aber, die man in Yola kaufen kann, schmecken den Dorfbewohnern zumeist nicht. Sie fragten nach Düngemittel. Auch da scheuten wir zurück, denn aus Düngemittel lässt sich einfach Sprengstoff herstellen, und wir konnten nicht sicher sein, dass unsere Lieferung nicht auch bei Boko Haram landen würde.

Blieb noch Bargeld. Zu viel Geld auf einmal aber gefährdet die Frauen. Die wenigsten in den Dörfern haben mehr als umgerechnet zehn Euro in bar in ihrer Lehmhütte. Wer im Dorf deutlich mehr hat als die anderen, nährt den Neid. Deshalb beschlossen wir mit unseren Partnern, die Summen in kleinen Tranchen auszuzahlen. Die 88 Frauen, die im Mai dieses Jahres nach Michiki kamen, erhielten pro Kopf 337 Euro. Dreimal kamen sie dafür nach Michiki.

Im Laufe der Jahre konnten wir 275 Frauen unterstützen, die sich in ihren Dörfern nach der Gefangenschaft ein neues Leben aufzubauen versuchen. Sie kaufen sich Saatgut, Medikamente für kranke Familienmitglieder; einige erwarben Nähmaschinen, um als Näherinnen in ihren Dörfern zu arbeiten. Und fast alle, von denen wir wissen, verwenden die Hilfe, um ihre Kinder, Jungen wie Mädchen, auf die Schule schicken zu können. Denn sie wissen, was auf Dauer das einzige Mittel gegen Krieg und Hass ist, in Nigeria wie anderswo: die Bildung. Wir sammeln weiter.

ZEIT-Spendenkonto Nigeria: DE58 6405 0000 0008 9631 18
nigeria@zeit.de