Niemand trug in diesem Sommer meiner Rückkehr nach Peking Atemmasken, bis in den späten Oktober hinein war der Himmel oft strahlend blau. 1994 war ich zum ersten Mal in der chinesischen Hauptstadt gewesen, im Alter von sechs Jahren. Wenn ich in der Zwischenzeit zu Besuch, auf Recherche oder auf Konferenzen nach China gekommen war, hatte ich Veränderungen immer nur im Modus des Mehr erlebt: mehr Wohlstand, mehr Smog, mehr Freiräume, mehr Lärm, mehr Verkehr.

Im Juli dieses Jahres bin ich nun nach Peking gezogen, um aus China für die ZEIT zu berichten. Doch zum ersten Mal machen sich Veränderungen in Form eines Weniger bemerkbar. Weniger Hupen, weniger Presslufthämmern, weniger Drängeln, weniger rüpelhaftes Benehmen in der Öffentlichkeit.

Kurz nach meiner Ankunft ging ich ins Kino, in der vordersten Reihe telefonierte ein Mann in Kneipenlautstärke. Früher wäre nichts passiert, und der Mann hätte die ganze Vorstellung über ungestört in sein Handy geplärrt. Diesmal ermahnten ihn die Sitznachbarn höflich. Als das nichts half, warf ihm jemand eine halb leere Popcorntüte gegen den breiten Hinterkopf.

Peking ist leiser geworden, in den Restaurants wird kaum noch gebrüllt, auf der Straße nicht mehr geschimpft. Die Menschen spucken und schubsen nicht mehr, sogar die Autofahrer nehmen (manchmal) Rücksicht. Der Asphalt ist blitzsauber, adrett angelegte Blumenkästen säumen die Bordsteine. Auch die Luft ist klarer. Und doch atmet es sich schwerer als früher.

Während ich ankomme, macht Trump gerade ernst mit seinem Handelsstreit: Die ersten Strafzölle treten in Kraft. Die Stille in den chinesischen Medien dazu ist unheimlich. Chinas Präsident Xi Jinping beschwört weiter den Segen der Globalisierung. Was mir aber als Erstes in Peking auffällt: Man sieht viel weniger Ausländer auf den Straßen. Die kosmopolitische Goldgräberstimmung von einst ist verflogen.

"Früher haben hier in der Gegend viele junge Langnasen gewohnt, aber die können sich Peking nicht mehr leisten. Wir Chinesen sind jetzt reicher!", begrüßt mich mein Vermieter Herr Ma* hocherfreut. Da habe ich meinen deutschen Pass noch nicht ausgepackt. Bis vor Kurzem wurden Westler wie Könige behandelt. Für die Personalabteilungen von internationalen Organisationen ist Peking inzwischen ein Problemposten: zu teuer, zu wenig Lebensqualität. Außerdem können die Einheimischen die Jobs inzwischen genauso gut.

Eine menschenfreundliche Stadt war Peking noch nie: Die Breite der Straßen schafft Distanz, die Blockarchitektur ist nordkoreanisch-brutal, das Lebensgefühl trotz 20 Millionen Einwohnern dörflich, und obwohl Peking heute die Stadt mit den meisten Dollarmilliardären und dem größten Flughafen der Welt ist, schafft die Stadtverwaltung es nach wie vor nicht, ordentliche öffentliche WCs aufzustellen. In den traditionellen Hutong-Wohnvierteln sucht man zwischen den Hocktoiletten immer noch vergeblich Trennwände. In den Rankings der attraktivsten chinesischen Städte liegt Peking abgeschlagen hinter Shanghai und Shenzhen. Anders als in südlichen Metropolen gibt es in Peking kein Flanieren, keinen nächtlichen Duft von Grillspießchen und kein Draußensitzen auf Plastikstühlen bis früh in den Morgen.

Dennoch versprühte die Stadt lange einen eigenen kratzbürstigen Zauber. Peking wollte erarbeitet werden, war ein Ort für den zweiten Blick, der Hartgesottene und Leidensfähige mit anarchischer Energie und schrulliger Herzlichkeit belohnte.

Wirtschaftlicher Aufbruch und politische Unterdrückung prallten in Peking heftiger aufeinander als in jeder anderen chinesischen Stadt, die Amplituden schlugen tagtäglich nach oben wie nach unten aus, was eine ebenso bedrückende wie elektrisierende Stimmung erzeugte. Nicht wenige Expats, die ich hier traf, führte dies zu der paradoxen Feststellung, sie fühlten sich im wilden Osten freier als zu Hause im satten Westen. Kreativität und Unternehmertum gediehen, und Peking erzeugte eine innige Hassliebe bei den Zugezogenen. Peking passte sich niemandem an, genau darum fanden viele Unangepasste in den Weiten dieses Riesendorfs ihre Nische.