Siemens-Manager neigen gemeinhin nicht zu großen Emotionen. Gewöhnlich treten sie nüchtern und sachlich auf. Umso überraschender ist es, im Görlitzer Turbinenwerk des Konzerns einen sichtlich gut gelaunten Standortleiter anzutreffen. Es ist ein Mittwoch Ende September. Entspannt lehnt Ronald Schmidt auf einem Bürostuhl und lächelt. "Gut" sei die Stimmung im Werk, sagt er, auch persönlich fühle er sich "schlicht gut".

Schmidt weiß in diesem Moment längst, was wenige Tage später offiziell wird: Er und sein Team werden bald eine neu geschaffene Geschäftseinheit steuern, mit fast 2.300 Mitarbeitern weltweit, in Indien, Brasilien, Tschechien, den USA. Das Werk sei bereits gut ausgelastet, berichtet Schmidt: "Jetzt können wir richtig loslegen."

Kaum zu glauben, wenn man bedenkt, was vor knapp einem Jahr hier in Görlitz los war. Am 16. November 2017 gab der Konzern bekannt, er plane, das Turbinenwerk zu schließen. Über 900 Arbeitsplätze würden gestrichen. Die Produktion sollte ins tschechische Brno und nach Mülheim an der Ruhr verlagert werden. Die Einschnitte seien nötig, hieß es damals aus der Konzernzentrale in München, für die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit der Kraftwerkssparte. Schmidts Job wäre es dann gewesen, sein Werk abzuwickeln.

Wochenlang beherrschte die Nachricht die Schlagzeilen, Bild sprach von einem drohenden "Kahlschlag". Sogar im Bundestag war Görlitz Thema. Mit knapp 14 Prozent war es die Stadt mit der höchsten Arbeitslosenquote in Sachsen. Bei der Bundestagswahl hatte eben erst der AfD-Kandidat dem heutigen Ministerpräsidenten Kretschmer sein Mandat abgenommen. "Asozial" seien die Siemens-Pläne, musste sich der Konzernchef Joe Kaeser vorwerfen lassen.

An diesem Tag, zehn Monate später, ist alles anders. Seit vorgestern steht fest: Das Werk bleibt erhalten. Mehr noch: "Görlitz wird zum Kompetenzzentrum für das weltweite Geschäft von Siemens mit Industriedampfturbinen", sagt Schmidt.

Jeder verlorene Arbeitsplatz bei Siemens hätte drei weitere Jobs gefährdet

Der Triumph der Görlitzer könnte in diesem Moment kaum größer sein. Monatelang haben Mitarbeiter, Gewerkschaft und Bürger gegen die Schließung des Werks gekämpft. Schließlich gelang es ihnen, den Konzern zur Kehrtwende zu zwingen und ihren Standort zu retten. Wie haben die Menschen das geschafft?

Einer der Widerständler ist Christoph Scholze. Er ist stellvertretender Vorsitzender des Betriebsrats im Turbinenwerk. An diesem Morgen hetzt er von einem Konferenzraum in sein Büro. Er und die anderen Arbeitnehmervertreter bereiten gerade eine Betriebsversammlung vor. Die Mitarbeiter sollen von den Folgen des Deals mit Siemens erfahren. Christoph Scholze hat die Ärmel seines Businesshemds hochgekrempelt, die langen braunen Haare sind zu einem Mini-Dutt hochgesteckt. Der Maschinenbauingenieur entschuldigt seine Hektik. "Wir müssen den Kollegen nachher viel erklären", sagt er.

Als Scholze damals von der Schließung erfuhr, saß er zwar noch nicht im Betriebsrat. Ihm sei aber sofort klar gewesen, was der Rückzug von Siemens für die Region bedeuten würde. "Wir waren alle geschockt", erzählt er.

Eine Handvoll Kollegen aus verschiedenen Abteilungen hätten sich spontan zusammengetan. "Wir haben ein Orga-Team gegründet", sagt er. "Wir wollten den Druck auf Siemens hoch halten und zugleich konstruktive Alternativen anbieten."

Zusammen mit Mitarbeitern des Waggonbauers Bombardier, des zweiten großen Görlitzer Industriebetriebs, bildeten sie daher wenig später eine Menschenkette quer durch die Stadt. Auch Bombardier plante, massenhaft Personal abzubauen. Ein anderes Mal verteilten sie überall knallrote Aufkleber mit dem Slogan "Keep Görlitz alive". Und kurz vor Weihnachten reiste eine Gruppe von Mitarbeitern aus Görlitz nach München. Vor der Konzernzentrale sangen sie Weihnachtslieder.