Ich weiß nicht viel über Schweden, aber ich weiß, dass es im Schwedischen ein Personalpronomen für das dritte Geschlecht gibt: hen. Darauf bin ich neidisch. Außerdem ist das Land, so sagt man, Vorreiter in Sachen Feminismus. Als die glamouröse schwedische Rapperin Silvana Imam am Anfang der nach ihr benannten Dokumentation auf ihr "ekliges Land" schimpft, während sie in der Lichtung eines Waldes ihren schlangenartigen Rücken entblößt, fragte ich mich also, was ihr Problem ist. Sie hat doch die Charts gestürmt mit Texten wie "Ich mache deine Mutter gay" und "Gott sei Dank bin ich ein Homo". Aber dann erreichten bei der diesjährigen Wahl in Schweden die Rechtspopulisten ihr historisch bestes Ergebnis, und ich schämte mich, dass ich die Wut der Künstlerin nicht ernst genommen hatte.

Silvana ist das Porträt eines wilden Queers, das mir veranschaulichte, wie Kunst in dem gegenwärtigen politischen Klima sinnvoll ist: laut sein, deutlich sprechen und viel feiern.

Drei Jahre lang begleiteten Mika Gustafson, Olivia Kastebring und Christina Tsiobanelis die Musikerin für diesen Film, von 2014 bis 2017: erste Hits im Radio, Nominierungen als bester Live-Act, der komplette Höhenflug einer jungen Karriere eben, inklusive des dazugehörenden Absturzes und der obligatorischen Wiederauferstehung – wie es die Filmdramaturgie verlangt. Zumindest jene, die gute Laune machen will. Diese Doku machte mich high. Und überraschte mich.

Zunächst ist es wie bei Blau ist eine warme Farbe: Man denkt, es gehe um Lesben, dabei geht es ums Erwachsenwerden. Man sieht Silvana mit runder Brille und in kurzen Sporthosen Luftsprünge machen, wenn sie ihre eigenen Songs im Radio hört, man sieht sie auf einer Party, wie sie sich in Kurt-Cobain-Manier langsam die Kapuze über das Gesicht zieht, während sie sich von jener Frau entfernt, die sie gerade noch gegen eine Wand gedrückt hat. Sie schreit in ein Megafon, auf einem Bett hüpfend, auf dem sich gleich mehrere Körper winden. Die Filmemacherinnen sind live dabei, wenn sie sich verliebt: Beatrice Eli ist eine Kollegin aus dem Synthesizer-Pop und tritt auf großen Bühnen auf. Bei einem von Elis Konzerten steht Imam ganz hinten in der Menge und spricht tonlos die gesungenen Texte mit, starrt wie hypnotisiert zur Bühne. Als die beiden Frauen bei einem Festival zum ersten Mal aufeinandertreffen, ist die Rapperin so aufgeregt, dass sie permanent an ihrer Lederjacke fummelt und ihrer Angehimmelten nur den Satz sagen kann: "Du bist ein Star! Du bist ein Star! Du bist ein Star!" Später erahnen wir den Inhalt des ersten SMS-Austauschs im Lächeln von Silvana, sehen sie beim ersten Kuss. Man ist so nah dran, dass man sich zwischendurch fragen muss, wie authentisch das dokumentarische Material eigentlich ist.