New York, ein Tag im Oktober. Im Hauptsitz der Asia Society, einer Nichtregierungsorganisation, betritt ein Junge die Bühne. Adul, 14, schmal, schüchtern, verbeugt sich förmlich. Der Anzug, den er trägt, ist ihm ein paar Nummern zu groß.

Der Moderator heißt Adul willkommen bei den diesjährigen Asia Game Changer Awards, wo Menschen aus Asien für ihre Verdienste geehrt werden. In diesem Jahr gehören die syrischen Weißhelme zu den Ausgezeichneten, auch Schülerinnen aus Afghanistan, die Roboter bauen, aber alle stehen im Schatten von Adul, er ist der Star der Tages, der Ehrengast.

Anfang 2018 kannte Adul Sam-on fast niemand. Er lebte mit seiner Familie in einem Dorf im Norden Thailands, ging zur Schule, spielte Gitarre und Fußball.

Seit einem halben Jahr ist das vorbei.

Adul gehört zu den zwölf Jungen des Fußballteams Moo Pa, "Die Wildschweine", die im Sommer 2018 gefangen waren in der Tham-Luang-Höhle. Nach zwei Wochen wurden sie und ihr Trainer von Rettungstauchern befreit, unter den Augen der Weltöffentlichkeit.

Danach empfahlen Psychologen, man solle die Kinder in Ruhe lassen; die meisten von ihnen zogen sich in ein buddhistisches Kloster zurück. Doch Thailands Militärregierung hatte andere Pläne. Schon acht Wochen nach der Rettung ließ sie in einem Einkaufszentrum in Bangkok einen Nachbau der Tham-Luang-Höhle errichten, zehn Meter lang, mit Lautsprechern, aus denen das Tröpfeln von Wasser zu hören war. Adul und seine Fußballfreunde, jetzt Staatshelden, krochen durch die Attrappe. Blitzlichtgewitter.

Seitdem jetten sie wie eine Boyband um den Globus. Sie flogen auf Einladung des Internationalen Olympischen Komitees nach Argentinien und trugen ein Showmatch aus. Sie flogen auch nach Großbritannien, wo der berühmte Trainer José Mourinho sie in den Katakomben von Old Trafford empfing, dem Stadion von Manchester United. Inzwischen sind laut thailändischer Regierung 22 Filme über die Rettungsmission in Planung, dazu eine Fernsehserie, Bücher, Computerspiele. Ein Brite komponierte das Lied Heroes of Thailand .

Auf der Bühne in New York wird Adul gefragt, was er in zehn Jahren machen wolle. Seine Antwort: Fußball spielen.

Ein Mann aus dem Publikum möchte wissen, ob Adul sich jetzt berühmt fühle. Der 14-Jährige, verlegen, schüttelt den Kopf.

Dann ist die Fragerunde zu Ende. Draußen wartet eine schwarze Limousine, Adul steigt ein. Es geht weiter nach Los Angeles. Dort wird er den Fußballstar Zlatan Ibrahimović treffen.