Monatelang habe ich es den Kollegen in der Redaktion gesagt: Lasst mich da raus, ich schreibe nichts darüber, das brächte mich in einen Interessenkonflikt. Wenn es um die Schlei geht, bin ich Anwohner, Bürger, gewerbetreibender Lokalpatriot, kein Journalist. Eine Zeit lang war ich sogar ein besorgter Bürger – ein so besorgter, dass ich zum Aktivisten wurde.

Die Sache hat inzwischen ein Ende, zumindest vorerst. Also gut, dann schreibe ich jetzt doch.

Ich habe das Glück, dort zu wohnen, wo ich andere Urlaub machen lasse. Seit Jahren renoviere ich einen alten Hof an der Schlei und vermiete die fertigen Unterkünfte an Feriengäste. Die Schlei, ein Meeresarm der Ostsee, der sich nördlich von Eckernförde gut 40 Kilometer durch Schleswig-Holstein erstreckt, ist auf ebenso unerklärliche wie glückliche Weise vom Massentourismus verschont geblieben.

Doch dieses Idyll sah ich eines Tages in Gefahr.

Am 14. März las ich eine Meldung über "Plastikteilchen in der Schlei". Über die Kläranlage in Schleswig, hieß es, seien "große Mengen an Kunststoffteilchen" ins Wasser gelangt. Sie stammten von geschredderten Verpackungen abgelaufener Lebensmittel, die ein Unternehmen den Stadtwerken als Faulschlamm verkauft hatte, zur Gewinnung von Biostrom. Schon da fasste ich mir an den Kopf. Wie kann es bitte erlaubt sein, Plastik in einen organischen Kreislauf zu manschen?

Wie viel Plastik genau in die Schlei gelangt ist, über welchen Zeitraum und mit welchen Auswirkungen, weiß bis heute niemand. Ich wusste nach dieser Nachricht nur: Da bahnte sich eine potenzielle Katastrophe an. Die Plastikteilchen waren groß genug, um sie zu sehen, auch für Tiere, die sie fressen könnten, und zu klein, um sie mit einfachen Mitteln wieder aus dem Wasser zu kriegen. Noch etwas war mir sofort klar: Egal wie schlimm die Sache tatsächlich war, sie drohte durch übertriebene Berichterstattung noch viel schlimmer gemacht zu werden.

Ich musste also politisch tätig werden.

"Aktivist" – das Wort habe ich immer für einen Verlegenheitsbegriff gehalten, den Journalisten meistens dann verwenden, wenn es um Lobbyisten für eine aus ihrer Sicht einigermaßen gute Sache geht. Überhaupt, Journalisten. Seien Sie vorsichtig, welchen Sie trauen, sage ich Ihnen aus meiner Erfahrung als, tja, Aktivist im Frühjahr 2018. Und den Kollegen sage ich: Ihr müsstet vielleicht auch mal die Seiten wechseln.

Sofort rief ich Freunde aus der Gemeindeversammlung unseres Dorfes an. Ich sehe schon die Schlagzeilen, warnte ich sie: "Größte Umweltkatastrophe Norddeutschlands seit Jahrzehnten". "Schlei nicht zu retten". So was. Ich bekniete sie: Wir müssten zusehen, dass es auch etwas anderes zu berichten gebe, sagte ich, von Schlei-Anwohnern, die aufstehen und etwas unternehmen. Die Journalisten müssten sehen, dass es Gegenkräfte gibt, die den Schaden begrenzen wollen, ihn vielleicht sogar einigermaßen beheben könnten. Die Freunde stimmten zu, schließlich leben hier viele mindestens teilweise vom Tourismus.

Nur, was tun?

Noch am selben Abend legte ich einen Twitter-Account an und nannte ihn SchleiPlastikfrei. Die Aufmerksamkeits-Angel war ausgeworfen. Jetzt mussten neben Freiwilligen idealerweise auch noch ein paar Journalisten anbeißen.

Am folgenden Tag rief ich bei den Stadtwerken in Schleswig an, "als Bürger", wie ich betonte. Ich wollte wissen, ob es schon Termine für Aufräumarbeiten gebe, an denen sich Anwohner beteiligen könnten, "denn, wissen Sie, ich habe gerade einem Twitter-Account angelegt, mit dem ich ..." – "Ach, Sie sind das", sagte die Dame von den Stadtwerken. "Ja, und?", fragte ich. Bündelt denn jemand das Engagement? Raus ins Schilf mit den Leuten! Das sei nicht so einfach, bremste die Sprecherin, es sei schwere Arbeit, Ufergras und Reet abzutragen. Sechzig ihrer Mitarbeiter seien schon zugange, mit Spezialsaugern und anderem Gerät. Außerdem müssten Naturschutzvorgaben beachtet werden.

Meine Ungeduld wuchs. War denn niemandem klar, dass wir hier gegen eine Macht ankämpften, die keine Rücksicht darauf nimmt, was sich vielleicht übermorgen bessert, sondern die vom Jetzt-Zustand ruck, zuck auf hereinbrechende Katastrophen schließt – mit Journalismus eben?

Nervös verfolgte ich Spiegel Online. Noch kein Bericht.