Dreißig Jahre. Das ist der Pi-mal-Daumen-Wert für den Generationenabstand, drei Jahrzehnte zwischen Auf-die-Welt-Kommen und Kinder-auf-die-Welt-Bringen. Fast ein halbes Leben. Wie sich die Welt in diesem Zeitraum verändern kann!

Vor 30 Jahren, im November 1988, steht die Berliner Mauer noch, ist Helmut Kohl Bundeskanzler, der Außenminister heißt Hans-Dietrich Genscher. Und zwei Unterorganisationen der Vereinten Nationen rufen das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) ins Leben, den Weltklimarat. Anfang Dezember gibt die UN-Vollversammlung dem Gremium ihren Segen. Von der Sorge um "künftige Generationen" ist dabei die Rede und von den Effekten der globalen Erwärmung, "die desaströs für die Menschheit sein könnten, wenn nicht auf allen Ebenen rasch gehandelt wird".

30 Jahre später liest sich die UN-Resolution 43/53 vom 6. Dezember 1988 fatal aktuell. Seither ist eine Generationenfolge verstrichen, zwei Milliarden Menschen mehr leben auf der Erde, die CO₂-Konzentration in der Atmosphäre ist von 350 auf mehr als 405 ppm (also Teilchen pro Million Luftteilchen) gestiegen. Und die Welt befindet sich in einer paradoxen Gleichzeitigkeit: Während die Folgen der Erderwärmung immer noch als Hypothek für Kinder und Kindeskinder beschworen werden, haben sie längst die Gegenwart erreicht.

2018 suchten Regenfluten Japan heim, erlebte Mitteleuropa eine historische Dürre, in Kalifornien wüteten die folgenreichsten Waldbrände in der Geschichte des Bundesstaats – und stets wurde im jeweiligen Zusammenhang der Beitrag des Klimawandels diskutiert.

Dabei galt lange: Einzelereignisse sind Wetter, Klima wird erst in der langjährigen Statistik sichtbar (wobei der Pi-mal-Daumen-Wert auch hier bei 30 Jahren liegt). Doch mittlerweile ermöglichen neue Forschungsmethoden auch Aussagen über den Einfluss der globalen Erwärmung auf die Wahrscheinlichkeit oder Stärke eines einzelnen Extrems. So können wir ihre Folgen heute gewissermaßen live erleben.

Zugleich blicken wir auf 30 Jahre des Forschens und Mahnens, Bezweifelns und Hinauszögerns zurück. Das Jahr, das mit der Klimakonferenz von Katowice – es ist die vierundzwanzigste! – endet, wird somit zum bitteren Jubiläum. Es hat den Menschen unter anderem vor Augen geführt, wie rasch das arktische Meereis zurückgeht, wie sehr der Golfstrom schwächelt, wie viel mehr Wärme als kalkuliert der Ozean schon geschluckt hat, wie schnell die Gletscher Grönlands fließen. So hat uns 2018 gezeigt, dass die Atmosphäre auf den fortwährend steigenden Treibhausgas-Ausstoß durchaus heftiger reagieren könnte als bislang gedacht. Eine böse Überraschung? Wenn man bedenkt, was man in 30 Jahren alles hätte tun können ...