Da unsere Kinder vermutlich sowieso ihr halbes Leben beruflich und privat vor verschiedensten Bildschirmen verbringen werden und wir das Unvermeidliche so lange wie möglich hinauszögern wollen, haben wir unseren Fernseher abgeschafft. Manchmal mache ich aber eine Ausnahme, dann gucken wir morgens, wenn endlich alle für den Kindergarten angezogen sind, auf meinem Handy ein paar Minuten Fernsehen aus meiner Kindheit. So habe ich Lolek und Bolek wiederentdeckt. Es gibt ja eine kurze, glückliche Phase, in der sich die Interessen von Vater und Kindern überschneiden, wenn die Kinder noch zu jung sind, um über die neuesten Unterhaltungsprodukte, die angeblich für Kinder gedacht sind, informiert zu sein, und der Vater mit ihnen Bücher und Filme aus seiner eigenen Kindheit angucken darf, für deren Qualität er bürgen kann.

Zu meiner Zeit gab es so wenig Kinderprogramm im Fernsehen, dass man es als sein natürliches Recht empfand, gucken zu dürfen, wenn etwas lief, und das sicherste Signal für eine Kindersendung war Zeichentrick. Die Genealogie der Trickfilmhelden, die donnerstags um 17.10 Uhr im ZDF zu sehen waren, ist mir immer noch geläufig: Wickie, Hong Kong Pfui, Biene Maja, Pinocchio. Die deutsche Teilung hatte für mich den Vorteil, dass es mehr Fernsehsender und damit auch mehr Kinderprogramm gab. In der Regel guckten wir Westfernsehen, aber bei Zeichentrickfilmen war ich nicht wählerisch. Mit Lolek und Bolek aus Polen konnte ich mich identifizieren, denn da ich einen älteren Bruder hatte, trat ich auch immer zu zweit auf. Oder waren Lolek und Bolek gar keine Brüder, sondern Freunde? (Ihr Beziehungsstatus ist bis heute ähnlich ungeklärt wie der von Ernie und Bert.) Ihre Rollen waren jedenfalls wie bei uns verteilt: der große Schlanke, der der Bestimmer sein wollte, und der kleine Verträumte mit den Hosenträgern. Die beiden waren unzertrennlich, ein Bolek-Film ohne Lolek hätte keinen Sinn ergeben. Wenn sie sich gestritten hatten – und davon hätten wir lernen können –, dann vertrugen sie sich anschließend wieder (anders als Hase und Wolf, zwischen denen das Tischtuch zerschnitten war). Lolek und Bolek führten keine Dialoge, man hörte von ihnen nur Affektlaute, meistens ein helles, schadenfrohes Lachen, wenn jemandem etwas auf den Kopf gefallen war. Im Hintergrund lief ständig eine anspruchsvoll komponierte, die Handlung untermalende Orchestermusik. Dass die beiden Jungen aus Polen kamen, war mir bewusst, schließlich geisterten durch die Filme manchmal polnische Begriffe, auf Plakaten, auf Ladenschildern oder auf Autokennzeichen. Natürlich auch der Schriftzug "koniec", der am Schluss jeder Episode eingeblendet wurde. Das Wort klang ganz ähnlich wie das russische конец, das einem aus sowjetischen Märchenfilmen vertraut war, wo am Ende immer eine alte Frau die Fensterläden ihres Hauses schloss, auf denen dann конец stand.

Ohne es zu ahnen, lernte ich durch das Kinderfernsehen etwas über den dramaturgischen Kniff, ein ungleiches Paar auftreten zu lassen, für den Don Quichote und Sancho Pansa ein frühes Beispiel sind. Für mich waren es eher Hase und Wolf, Pat und Mat (die tschechischen Slapstick-Bastler aus Knete, bei denen immer alles schiefging, die sich aber nie entmutigen ließen, ein heimliches Porträt des notorisch unter Materialmangel leidenden Ostblock-Heimwerkers), Ernie und Bert, Schnatterinchen und Pittiplatsch, Dick und Doof, Pat und Patachon. Eine geniale Interpretation des Motivs des ungleichen Paars waren natürlich Schulze und Schultze, die Zwillingsdetektive aus Tim und Struppi, die nur deshalb ungleich waren, weil sie sich durch ihren Schnurrbart unterschieden. Wie Tim und Struppi hatten Lolek und Bolek (die auf Polnisch "Bolek und Lolek" heißen, warum man die Reihenfolge wohl auf Deutsch umgekehrt hat?) Freude am Reisen. Als Kind habe ich dadurch den Wilden Westen, Polynesien, die Wüste Gobi, die Serengeti, den Regenwald am Orinoko und viele andere Regionen kennengelernt. Dass mir als DDR-Kind solche Reisen voraussichtlich verwehrt bleiben würden, war mir früh bewusst, und es lag auch ein latenter Widerspruch darin, dass zwei polnischen Jungen die Welt ohne Weiteres offenstehen sollte, wo man bei uns doch eher so tat, als gäbe es den Rest der Welt gar nicht, um kein Fernweh zu erzeugen. Merkte das denn keiner? Es schien ein Beleg für die Sonderrolle zu sein, die Polen in mancher Beziehung im Ostblock spielte, wobei jedes Ostblock-Land ja seine eigenen Freiheitsgrade hatte, die man bei Besuchen auskundschaftete (in Ungarn gab es Westschallplatten, in Bulgarien Coca-Cola, in der Sowjetunion Telespielgeräte, in Rumänien Walt-Disney-Briefmarken, polnische Fußballer spielten in der Bundesliga).

Eigentlich war die Serie Lolek und Bolek völlig unpolitisch, umso verstörender, wenn man im Nachhinein erfährt, dass einer der Schöpfer der Figuren, Alfred Ledwig, in den Siebzigern für ein regimekritisches Plakat im Gefängnis saß und später in die Bundesrepublik emigrieren musste, von wo aus er bis zu seinem Tod einen juristischen Kampf um seine Rechte an den Figuren führte. (Seltsam ist auch, dass Lech Wałęsa, dem vorgeworfen wird, nach einer Gefängnisstrafe Anfang der Siebziger eine Zeit lang als Informant des polnischen Geheimdienstes gearbeitet zu haben, den Decknamen "Bolek" getragen haben soll.)

Den Höhepunkt ihrer Reisetätigkeit erlebten Lolek und Bolek im Zeichentrickfilm Lolek und Boleks große Reise, in dem sie plötzlich auch sprechen konnten (Lolek mit der Stimme von Carmen-Maja Antoni, damals wurden für Kinderproduktionen erstklassige Schauspieler engagiert). Dass man hier nicht mit zehn Minuten abgespeist wurde, sondern dass es sich um eine Geschichte in Spielfilmlänge handelte, war ein unbegreifliches Glück. Noch dazu reisten die beiden in 100 Minuten um die ganze Welt, und wer träumte nicht davon? Der Film lief immer in den Ferien, entweder sah ich ihn in irgendeinem Kino in der von der Sommerhitze betäubten Stadt oder in einem Zeltplatzkino aus Wellblech, weil wir es wieder einmal nur bis zur Ostsee geschafft hatten. Am Weltreisewettlauf nach der Idee von Jules Verne reizte mich der ständige Wechsel der Umgebung; ich machte mir noch kein Bild davon, wie anstrengend Reisen sein kann. Lolek und Bolek bekamen nie Brechdurchfall.

Den Film kann ich meinen Kindern natürlich noch nicht zeigen, da wir ihnen, um sie zu schützen, erst mit 18 Filme erlauben werden. Aber zur Überbrückung kann ich ihnen die großformatigen Lolek und Bolek- Hefte, die einst in Bautzen im sorbischen Domowina-Verlag erschienen sind (heute im Eulenspiegel-Verlag), vorlesen, in denen die Reiseabenteuer von Lolek und Bolek geschildert werden. Sie fangen einen Grabräuber in Ägypten, sie suchen den Yeti, sie retten Tiere vor einer durch einen Staudammbau ausgelösten Überschwemmung am Amazonas, und sie entdecken in der Wüste Gobi in einem unter Sand verschütteten Saurierskelett ein Ei, aus dem ein gefräßiger Pterodactylus schlüpft. Wenn ich die Texte heute vorlese, scheinen sie mir spröde übersetzt und voller Anspielungen für Erwachsene, aber meine Kinder wollen sie immer wieder hören, und so dürfen die beiden polnischen Jungen noch eine Weile zu Gast in unserer Wohnung sein, bevor sie von Beanie-Stofftieren mit Basedow-Augen, debil grinsenden Cars- Autos oder dieser kalkuliert kitschigen Eiskönigin Elsa verdrängt werden (falls meine Kinder mit 18 noch Lust darauf haben sollten ...).