"Ich bin jetzt EU-Bürgerin"

"Im Oktober habe ich die slowenische Staatsbürgerschaft erhalten – und wurde damit EU-Bürgerin. Ich lebe seit fünfzig Jahren in der Schweiz. Meinen jugoslawischen Pass musste ich abgeben, da es damals kein Abkommen für eine Doppelstaatsbürgerschaft zwischen den beiden Ländern gab. Das ist heute anders. Als ich die slowenische Einbürgerungsurkunde unterzeichnete, war ich erstaunt, wie speziell der Moment für mich war. Ich verstehe mich als überzeugte Schweizerin, aber nun habe ich einen viel größeren Handlungsspielraum: Wenn ich möchte, kann ich in jedem EU-Land leben. Meine Kinder können als EU-Bürger studieren, wo sie wollen. Ich überlege mir nun auf neue Weise, wie ich mein weiteres Leben gestalten könnte. Allen Unkenrufen zum Trotz glaube ich an die EU. Sie zeigt Flagge, wie zuletzt bei der gestoppten Zwangspensionierung von Richtern in Polen. Das hat mich – auch wenn das pathetisch klingt – als taufrische EU-Bürgerin stolz gemacht."

"Jens Spahns Aussage hat mich empört"

"Im Frühjahr habe ich ein Zitat von Jens Spahn auf Facebook gelesen. Er sagte, Hartz-IV-Empfänger würden nicht in Armut leben. Diese Aussage hat mich empört. Manche Politiker haben scheinbar den Kontakt zur Realität der Menschen verloren, oder sie interessiert sie gar nicht. Seit fünf Jahren bin ich arbeitslos und beziehe Hartz IV. Ich kann selten mit meinen Kindern in den Urlaub fahren. Selbst Fahrradreparaturen werden finanziell zur Herausforderung, und wenn ich Haushaltsgegenstände brauche, frage ich im Bekanntenkreis nach Ausrangiertem.

Die öffentliche Debatte entspricht aber auch sonst nicht immer meiner Wahrnehmung. Oft heißt es ja, Hartz-IV-Empfänger seien faul, doch ich nutze die Zeit für meine beiden Ehrenämter beim Bürgerradio und in der Blindenbibliothek. Ich habe allerdings noch nie Diskriminierung erlebt. Auch der Umgang des Jobcenters ist respektvoller geworden. Ich habe nicht mehr den Druck, jede Stelle anzunehmen, und mir wurde sogar ein Coaching genehmigt."

"Sicherheit ist mir wichtiger geworden"

"Ich werde Ende Januar Vater. Seit ich das weiß, ist mir finanzielle Sicherheit deutlich wichtiger geworden. Ich habe mich in diesem Jahr oft damit beschäftigt, wie ich mein Erspartes anlegen will. Die Entscheidung ist mir gar nicht so leichtgefallen. Die Aktienmärkte sind aktuell sehr volatil, Zinsen gibt es keine, und in Mannheim und Umgebung eine bezahlbare und passende Immobilie zu finden ist ziemlich schwierig. Mich beschäftigt aber auch, wohin sich die Welt entwickelt, in der mein Sohn aufwachsen wird. Der zunehmende Populismus macht mir Sorgen. Er richtet gesellschaftliche und nun auch wirtschaftliche Schäden an – spätestens seit dem Brexit, der Italienkrise und dem Handelsstreit zwischen den USA, China und der EU. Die Folgen können unseren Frieden und Wohlstand gefährden. Der freie Handel ist so eine wichtige Errungenschaft – ich möchte nicht in eine Welt voller Kleinstaaterei zurück. Ich dachte, wir wären längst darüber hinweg, über so etwas zu diskutieren."

"Die Digitalisierung macht uns abhängig"

"Kürzlich wollte ich online Konzerttickets bestellen. Ich klickte auf "mit Kreditkarte bezahlen". Plötzlich sollte ich eine Sicherheits-ID mit einer App am Smartphone aktivieren. Das Problem ist: Mein Smartphone liegt seit Jahren in der Schublade. Ich verwende es nicht, nur im absoluten Notfall. Und ich sehe auch nicht ein, es aus der Lade zu holen, nur um meine Kreditkarte zu nutzen. Nach einigen Anrufen bei der Bank hat die Zahlung auch ohne App geklappt. Aber ich habe auch schon andere Erfahrungen gemacht.

Es wird gerade viel über die Digitalisierung gesprochen. Manchen ist aber gar nicht bewusst, wie abhängig sie uns macht. In vieler Hinsicht hat man nicht mehr die freie Wahl. Wer nicht mitmacht, dem wird der Service verwehrt. Man wird ausgeschlossen. Mich ärgert das vor allem, weil solche Anwendungen auf Smartphones häufig nicht sicher sind. Wir werden damit überwacht, und andere machen Geld damit."

"Mich erschüttert der Cum-Ex-Skandal"

"Ich habe in diesem Jahr besonders die Berichterstattung zum Cum-Ex- und Cum-Cum-Skandal verfolgt. Mich beschäftigt sehr, dass der Staat mit Steuertricks um so viel Geld betrogen wurde. Zum einen, da es nicht möglich war, diesen Diebstahl zu stoppen. Zum anderen, da reiche Leute keine Skrupel hatten, sich einfach aus der Staatskasse zu bedienen. Ich habe bislang immer an den Sinn von Steuerzahlungen geglaubt. Wir profitieren ja von einer funktionierenden Infrastruktur, und es ist gut, dass der Staat für soziale Gerechtigkeit sorgt. Menschen mit geringer Bildung bleiben Hilfsleistungen aber oft verwehrt, weil sie sich nicht so gut informieren und durchsetzen können wie Gebildete. Durch meinen Beruf habe ich zum Beispiel Kinder gesehen, die mittags ohne Essen in der Schulkantine sitzen, weil die Eltern nicht imstande sind, das kostenlose Schulessen zu beantragen. Mich erschüttert es sehr, dass jemand dann, nur weil er schlau genug ist, Geld vom Staat stiehlt, obwohl er es nicht braucht."

"Ich habe überlegt, wie ich am besten spende"

"Letztes Jahr habe ich die Online-Marketing-Agentur, die ich mitgegründet habe, verkauft. Dieses Jahr habe ich überlegt, wie ich vom Erlös einen mittleren fünfstelligen Betrag am besten spende. So wie ich als Investor will, dass Firmen ihr Kapital möglichst effektiv einsetzen, will ich als Spender, dass mit meinem Geld viel Gutes erreicht wird. Es war nicht leicht, eine Hilfsorganisation zu finden, die dem entspricht. Beim Nachweis ihrer Wirkung sind viele intransparent. Zwar sagen sie, dass etwa ein Brunnen gebaut wird, aber vielleicht wäre es effektiver, Moskitonetze zu kaufen. Bei der Recherche fand ich das Projekt Give Well, das bewertet, wie Organisationen mit dem Geld umgehen. Das zeigte etwa: Eine kann mit einem Euro einen Wert von einem Euro erzielen, eine andere 80 Euro – und außerhalb Europas ist das Geld mehr wert. Daher habe ich den größeren Teil an Give Directly gegeben, eine Organisation, die arme Familien in Kenia unterstützt, den anderen Teil an die Organisation Animal Equality, die sich für bessere Bedingungen in der Massentierhaltung einsetzt."

"Ich habe über 50 Vermieter kontaktiert"

"In diesem Herbst bin ich zum Studieren nach München gezogen. Ich habe mich aus fachlichen Gründen für die Uni entschieden, doch damit auch gehadert: In Aachen wäre das Leben locker 300 Euro günstiger. Auch die Wohnungssuche wäre einfacher gewesen. Vier Wochen habe ich ein Zimmer gesucht und über 50 Anfragen geschrieben – nur zwei Vermieter haben mich zur Besichtigung eingeladen. Ich konnte nicht hingehen, sondern habe Bekannte geschickt, da ich in Trier ein verpflichtendes achtwöchiges, Vorpraktikum für die Uni gemacht habe. In einem öffentlichen Wohnheim bin ich nicht untergekommen, schließlich habe ich ein Zimmer in einem privaten Heim gefunden – für 800 Euro.

Ich bekomme Geld von meinen Eltern und ein monatliches Stipendium. Zusätzlich arbeite ich als Werkstudent, doch für viele ist ein Studium eine Vollbelastung. Auch mit Bafög käme man in München nicht über die Runden. Ich verstehe nicht, warum das Bafög nicht an die Lebenshaltungskosten der Städte angepasst wird."

"In London herrscht Aufbruchsstimmung"

"Ich habe in diesem Jahr gespürt, wie sich der Brexit schon jetzt in Großbritannien auswirkt, obwohl er erst im März 2019 stattfinden soll. Viele meiner Arbeitskollegen sagen etwa, dass sie derzeit keine Wohnung kaufen würden, da sie einen Preisverfall nach dem Austritt erwarten. Mir ist aufgefallen, dass viele wegen der aktuellen Unsicherheit in Deutschland investieren, wo der Markt stabil und vorhersagbar ist, das macht ihn für viele Briten attraktiv.

Drei meiner ehemaligen Mitbewohner aus London sind bereits nach Berlin gezogen, zwei nach Athen und Lissabon, es herrscht Aufbruchsstimmung. Auch mich hat der drohende Brexit in meiner Entscheidung, hier langfristig Wurzeln zu schlagen, beeinflusst. Inzwischen sage ich: Wenn es mit dem EU-Austritt so weit ist, möchte ich spätestens nach der Übergangsphase wieder nach Deutschland oder in ein anderes EU-Land. Schon allein deshalb, weil das Pendeln dann schwerer wird und weil sich die Rechte und Standards hier ändern werden."

"Wir bauen das Breitbandnetz aus"

"Als Bürgermeister einer Kleinstadt hat mich der Mittelstand sehr beschäftigt. Wir haben in Hückeswagen Unternehmen, die unter anderem Stahl, Gefrierschneidemaschinen für Lebensmittel oder Messer für die Papierindustrie herstellen. Sie sind nicht nur deswegen wichtig, weil sie Arbeitsplätze bieten, sondern auch weil sie eine hohe Verantwortung für die Region und eine enge Verbindung zu den Mitarbeitern haben. Die Eigentümer leiten die Firmen meist selbst. Sie kennen die Gesichter ihrer Mitarbeiter, die Namen, die Familien.

Wir haben festgestellt, dass ihnen oft die Bürokratie im Weg steht. Deshalb helfen wir, wenn es Probleme bei Baugenehmigungen gibt. Wir planen, Gewerbeanmeldungen zu vereinfachen, indem man diese online erledigen kann. Auch die Infrastruktur ist wichtig. Darum haben wir im Oktober ein neues Gewerbegebiet beschlossen, und der geplante Ausbau des Breitbandnetzes in der Stadt stärkt auch insgesamt unseren Standort."

"Ich bleibe gern wegen der Kinder zu Hause"

"Mein Mann ist Alleinverdiener, ich betreue unsere drei Kinder zu Hause – freiwillig. Viele aus meinem privaten Umfeld sagen mir, dass sie das toll finden. Doch leider wird gerade von der Politik und der Wirtschaft das Bild vermittelt, dass man als Mutter möglichst bald in den Beruf zurückkehren muss.

Auch dieses Jahr wurde viel über Reformen gesprochen, wie das Rückkehrrecht in Vollzeit. Als sei es völlig antiquiert, Hausfrau zu sein. Das sollte ebenso anerkannt sein, wie wenn eine Frau sagt, dass sie nicht mehrere Jahre studiert habe, um zu Hause zu bleiben.

Es ist nicht so, dass wir kein zusätzliches Einkommen brauchen könnten. Doch es ist schwierig, eine Teilzeitstelle für vormittags zu finden, und ich würde wohl nicht genug verdienen, um die Kinderbetreuung zu bezahlen, die es in unserem Ort ganztags gar nicht gibt. Es wäre absurd, nur dafür zu arbeiten. Mein Lebensentwurf ist nicht, bis zur Rente Hausfrau zu sein. Aber solange die Kinder kleiner sind, bleibe ich gern zu Hause."