"Tue ich doch gar nicht", würde Wladimir Putin auf diese Frage antworten. Doch seit vergangenem Dienstag wirft nicht mehr nur die amerikanische Regierung, sondern die gesamte Nato den Russen vor, nukleare Mittelstreckenraketen auf russischem Boden zu stationieren und damit gegen den INF-Abrüstungsvertrag zu verstoßen. Dieses Abkommen hatten der sowjetische Generalsekretär Michail Gorbatschow und US-Präsident Ronald Reagan 1987 vereinbart. Es gehört seither zum Fundament der europäischen Sicherheit. Moskau und Washington einigten sich zum Nutzen Europas: Der Vertrag verbietet es, in Europa und Russland landgestützte Raketen mit Reichweiten zwischen 500 und 5500 Kilometern aufzustellen. Wenn Russland den Vertrag nun bricht, schadet das also vor allem den Europäern.

Russische Diplomaten behaupten, ihre neuen Flugkörper blieben unterhalb der Reichweite von 500 Kilometern und seien damit erlaubt. Zugleich räumt Putins Sprecher Dmitri Peskow ein, dass der INF-Vertrag nicht mehr ganz russischen Interessen entspreche. Er sagte zwar nicht, warum, aber in Moskau sind häufig zwei Argumente gegen den Vertrag von 1987 zu hören:

Erstens besäßen Nuklearstaaten wie Indien, China und Pakistan Mittelstreckenraketen, Russland aber dürfe die nicht herstellen. Das sei ungerecht. Zweitens hätten die USA vor 17 Jahren den ABM-Vertrag gekündigt, der den Aufbau von Raketenabwehrsystemen verbietet. Seither würden die USA diese Systeme in Europa installieren und gegen Russland richten. Die USA bestreiten das und sagen, die Abwehr gelte dem Mittleren Osten.

Doch die russische Regierung könnte noch aus einem weiteren Grund ein Interesse am Bruch des INF-Vertrages haben. Russland setzt bei seiner Verteidigung verstärkt auf Nuklearwaffen, denn schon wenige moderne Atombomben sind so wirksam wie ein großes konventionelles Arsenal. Das macht Abschreckung mit Nuklearraketen billig.

Außerdem wirkt allein die Drohung, neue Mittelstreckenwaffen aufzustellen, wie ein Sprengsatz in der westlichen Allianz. Das war schon früher so, als die Sowjetunion Europa in den Achtzigerjahren mit solchen Raketen bedrohte. Damals reagierte die Nato mit dem sogenannten Doppelbeschluss, drohte ihrerseits, Raketen aufzustellen. Das zerriss die SPD von Bundeskanzler Helmut Schmidt und trieb Hunderttausende Demonstranten auf die Straßen. Heute könnte eine solche Aufrüstung die Nato spalten, in Ost und West. Die näher an Russland liegenden Ostmitteleuropäer würden eine Nato-Nachrüstung mit Mittelstreckenraketen wohl befürworten, die Westeuropäer wären eher dagegen.

Doch ist es nicht ausgemacht, dass sich die Geschichte der russischen Aufrüstung und der Nato-Nachrüstung mit Boden-Luft-Raketen nach Art der 1980er-Jahre wiederholt. Denn die USA können heute nukleare Marschflugkörper ebenso gut von Schiffen und von Flugzeugen aus abschießen. Das verbietet das INF-Abkommen nicht. Die USA könnten notfalls viel mehr solcher Waffen nach Europa bringen.

US-Präsident Donald Trump sagte zwar unlängst, er wolle den INF-Vertrag aufkündigen – weil sich die Russen nicht mehr daran hielten. Aber die Europäer sind dagegen, Putin nachträglich eine Rechtfertigung seiner Aufrüstung zu liefern. Deshalb hat die Nato vorerst nur beschlossen, Russland ein Ultimatum zu stellen, damit es die neuen Mittelstreckenwaffen wieder zerstört. So soll der Vertrag gerettet werden, der Europa dreißig Jahre lang sicher gemacht hat. Lässt sich Putin allerdings darauf nicht ein, droht dem Kontinent ein neues Zeitalter der Aufrüstung.