DIE ZEIT: Frau Bernstein, Sie haben in Ihrer Studie jüdische Schüler, Eltern und Lehrer nach ihren Erfahrungen mit Antisemitismus an Schulen befragt. Hat Sie überrascht, was Sie zu hören bekommen haben?

Julia Bernstein: Das Ausmaß, in dem von Hitlergrüßen, Hakenkreuzen und "Holocaust-Witzen" berichtet wurde, hat mich überrascht. Da hat eine Enttabuisierung, eine Enthemmung stattgefunden. Wir sehen das an allen Schulformen, von der Hauptschule bis zum Gymnasium. Und die Sprüche kommen nicht nur von Jugendlichen, die man im rechtsextremen Lager verorten würde.

ZEIT: Was für Sprüche sind das?

Bernstein: "Jude" als Schimpfwort ist sehr verbreitet, es fallen Formulierungen wie "du Judenschwein", "du Scheißjude". Oder eben auch Vernichtungsfantasien wie "Man hat vergessen, dich zu vergasen". Es gibt vieles, was wir ein Echo aus der Nazi-Zeit nennen. Etwa ein "Auschwitz-Spiel": Ein Schüler sagt leise "Auschwitz", der nächste muss es etwas lauter sagen und so weiter.

ZEIT: Wie reagieren die Lehrer darauf?

Bernstein: Es ist leider nicht selbstverständlich, dass sie reagieren. "Du Jude" als Schimpfwort gilt vielen Lehrkräften als nicht antisemitisch, sondern als "so dahergesagt" und "nicht so gemeint", als Konflikt auf persönlicher Ebene oder pubertäre Provokation. Sie bagatellisieren. Auch dadurch, dass sie Handlungen erst als antisemitisch einstufen, wenn sie gegen jüdische Schüler gerichtet sind oder bewusst antisemitisch benutzt werden. Viele greifen erst ein, wenn es zu spät ist und es zu handfesten Bedrohungen oder körperlicher Gewalt kommt.

ZEIT: Wie erklären Sie sich das?

Bernstein: Die Mehrheit hat während ihrer Ausbildung nie den professionellen Umgang mit Antisemitismus gelernt. Und Fortbildungen sind freiwillig. Antisemitismus gilt vielen als Phänomen der Nazi-Zeit und damit als überwunden.

ZEIT: Sind nur Schüler betroffen?

Bernstein: Nein, auch jüdische Lehrer. Es gab Fälle, in denen ihnen Hakenkreuze aus Büroklammern auf den Schreibtisch gelegt wurden. Es kommt auch vor, dass ein Schüler auf sein Namensschild Adolf schreibt. Es gibt nicht nur jüdische Schüler, sondern auch jüdische Lehrkräfte, die ihre Identität verschweigen. Das Grundvertrauen, Teil der Gesellschaft zu sein, ist bei vielen Betroffenen erschüttert.

ZEIT: Sie haben 227 Interviews geführt, darunter einige mit nichtjüdischen Lehrern. Was ergibt sich aus der Gegenüberstellung?

Bernstein: Zugespitzt formuliert: Man bekommt den Eindruck, jüdische Schüler und nichtjüdische Lehrkräfte berichten von unterschiedlichen Orten. Viele Lehrer können oder wollen Antisemitismus nicht erkennen.

ZEIT: Warum reagieren die Schulen so zögerlich auf Vorfälle?

Bernstein: Die Sorge, dem Ruf der Schule zu schaden, ist groß, deshalb neigen Schulleitungen zum Vertuschen. Viele Lehrkräfte sagen auch: Wir haben ganz andere Probleme, Rassismus, Sucht, Gewalt – wir können nicht auf jedes Schimpfwort reagieren.

ZEIT: Was muss geschehen?

Bernstein: Schulen können Experten von Beratungsstellen einladen, die über das Thema sprechen. Vor allem muss es in der Ausbildung verankert werden. Fortbildungen zu Antisemitismus und Nahostkonflikt müssen verpflichtend werden.

ZEIT: Hat der Antisemitismus zugenommen, weil es mehr muslimische Schüler gibt?

Bernstein: Manche Lehrkräfte neigen dazu, ihn als muslimisches Problem zu erklären und damit abzutun. Sicher gibt es auch antisemitisch eingestellte muslimische Schüler. Besorgniserregend ist, dass jüdische Schüler zu Stellvertretern Israels gemacht, beleidigt und angegriffen werden. Aber Antisemitismus ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, er kommt von allen Seiten. Ihn auf eine Gruppe abzuwälzen hat eine Entlastungsfunktion, das lenkt vom "hausgemachten" Antisemitismus in Deutschland ab.