9. Oktober 2018: Norbert Blüm war 16 Jahre lang Minister und dabei, als Helmut Kohl als Kanzler abgewählt wurde. Beim ersten von drei Treffen mit ihm in seinem Haus in Bonn ist es 14 Tage her, dass die Unionsfraktion Ralph Brinkhaus als Fraktionsvorsitzenden wählte – und Merkels Vertrauter Volker Kauder abtreten musste. In den Zeitungen steht, das sei der Anfang vom Ende Merkels. In fünf Tagen wird in Bayern gewählt, die Umfragen sind katastrophal für die CSU.

DIE ZEIT: Sie mögen Endzeitstimmung, oder? Ihr Lieblingsfilm ist Melancholia, da stürzt ein Planet auf die Erde.

Norbert Blüm: Das Dämonische, das Merkwürdige und Unerklärliche, wenn etwas zu Ende geht, das berührt mich.

ZEIT: Wenn Macht zu Ende geht, ist das dann auch dämonisch, merkwürdig und unerklärlich?

Blüm: Ich kenne zumindest keinen Abschied, der schmerzlos war. Oder können Sie mir einen Machtwechsel ohne Verwundung nennen? Nehmen wir die Kanzler, die wir in der Bundesrepublik hatten, es war immer ein Stück Verrat im Spiel. Adenauer fühlte sich von Erhard aus dem Amt gedrängt, Erhard von der Partei im Stich gelassen. Schmidt hat sich verraten gefühlt, als Brandt begann, sich wegen des Nato-Doppelbeschlusses gegen ihn zu wenden. Brandt wiederum wurde von Wehner verraten, der hinter seinem Rücken an seinem Sturz arbeitete. Kiesinger hat sich durch die FDP verraten gefühlt, die nach der Wahl plötzlich mit der SPD regieren wollte.

ZEIT: Und Helmut Kohl?

Blüm: Kohl war so lange im Amt, der sah überall Verräter. Er hatte sogar noch ein Ende nach dem Ende, die Parteispendenaffäre, da brach er mit vielen, auch mit mir. Nur Schröders Abgang glich einer Komödie, der hielt sich am Wahlabend noch für den Sieger.

ZEIT: Wenn die eigene Macht schwindet, spürt man das eigentlich?

Blüm: Man merkt es schon, aber man macht sich was vor. Man hat so viele Kämpfe gewonnen, man denkt: Den pack ich jetzt auch noch. Das ist wie beim Sterben. Nur noch ein bisschen weiterleben, denkt man.

ZEIT: Der Verlust einer Kanzlerschaft oder eines Parteivorsitzes ist doch nicht wie Sterben.

Blüm: Früher fanden Machtwechsel und Sterben immer zeitgleich statt. Ein König starb im Bett, fiel im Krieg oder wurde von Rebellen ermordet. Dass man lebend ein Amt verlässt, ist eine Errungenschaft der Demokratie, und die ist noch gar nicht so alt.

ZEIT: Söder und Seehofer, die sich jetzt schon vor der Landtagswahl in Bayern gegenseitig die Schuld für das Ergebnis zuschieben, kämpfen also um ihr Leben?

Blüm: In gewisser Weise, ja. Die beiden haben dabei leider die Selbstbeherrschung verloren. Seehofer kenne ich jetzt seit ewigen Zeiten, und ich verstehe ihn nicht mehr. Der Söder ist ja auch körperlich so ein Brutalinski. Aber Horst ist im Grunde eine zarte Seele.

ZEIT: Wirkt gar nicht so.

Blüm: Er ist heute zutiefst verbittert, ein Merkel-Geschädigter. Seehofer war 2004 im siebten Himmel seiner Karriere. Aus dem stürzte er, wegen so einem idiotischen Vorschlag wie der Kopfpauschale ...

ZEIT:Angela Merkel war dafür, Seehofer dagegen. Der Streit endete mit seinem Rücktritt als stellvertretender Fraktionsvorsitzender.

Blüm: Seehofer hat ihr das länger nachgetragen, als gut für ihn ist. Deshalb kämpft er heute auch so: weil er schon mal erlebt hat, wie es ist, wenn alles vorbei ist.