Schlag gegen die akademische Freiheit: Die Central European University wird aus Budapest verjagt und zieht nach Wien. Doch auch dort hat sie ihre Gegner.

Adieu, Budapest! Es geht von der Donau an die Donau. Seit Beginn der Woche steht fest, dass die feine, kleine Central European University (CEU) von der ungarischen Hauptstadt nach Wien emigrieren wird. Es ist das vorläufige Ende eines langen Streits zwischen der Privatuniversität und dem ungarischen Regierungschef Viktor Orbán – und ein harter Schlag für die Wissenschaftsfreiheit.

Dass mitten in Europa eine Universität umziehen muss, stieß international auf Kritik: Von einem "dunklen Tag für Ungarn und Europa" sprachen die Grünen im Europaparlament. Er sei "extrem enttäuscht", twitterte der Spitzenkandidat der europäischen Christdemokraten, der CSU-Politiker Manfred Weber. Als "Schande" bezeichnete der Chef der liberalen Friedrich-Naumann-Stiftung, Karl-Heinz Paqué, den Umzug.

Der Abschied der akademischen Bildungsstätte ist ein weiterer Höhepunkt in der Auseinandersetzung, die Orbán mit dem aus Ungarn stammenden Holocaust-Überlebenden George Soros, dem bei Weitem bedeutendsten Förderer der CEU, führt. Den Investmentbanker und Philantropen haben die Ungarn zu ihrem Feindbild aufgebaut, dem sie in antisemitisch gefärbten Kampagnen vorwerfen, er steuere weltweit die Massenmigration, die spätestens seit 2015 Europa vor gewaltige Probleme stellt. Ein Hauch des Phantoms einer "jüdischen Weltverschwörung" schwang jedes Mal mit, wenn der Milliardär Soros im ganzen Land auf großflächigen Plakaten angeprangert wurde.

Im April des vergangenen Jahres, in der Endphase eines mit nationalistischem Pathos geführten Wahlkampfes, holte Orbán zum entscheidenden Schlag gegen die Bildungsstätte aus, die er gerne als "Soros-Universität" diffamiert. Eine Novelle zum Bildungsgesetz legte fest, dass eine fremde Universität nur dann einen Campus in Ungarn unterhalten darf, wenn sie gleichzeitig auch in ihrem Heimatland, in diesem Fall den USA, einen Lehrbetrieb unterhält. Das war eine maßgeschneiderte "Lex CEU". Von einem "Akt des politischen Vandalismus" sprach der Rektor Michael Ignatieff, ein kanadischer Historiker. Schon damals boten die Österreicher der angefeindeten Universität an, in das freundliche und seinerzeit noch weltoffene Klima von Wien zu übersiedeln.

"Das alles war eigentlich ein großes Kompliment für die CEU", sagt der österreichische Politikwissenschafter Anton Pelinka, der mehr als zehn Jahre lang an der CEU unterrichtete. Die Universität mit dem Schwerpunkt Sozial- und Geisteswissenschaften war 1991 gegründet worden, um eine neue intellektuelle Elite für die postkommunistischen Staaten in Mittel- und Osteuropa heranzuziehen, die von einem liberalen Weltbild geleitet wird. Die Universität ist bis heute für jedermann zugänglich, in ihren akademischen Anforderungen jedoch herausfordernd. Bald verwandelte sich der Budapester Campus in eine internationale Begegnungsstätte. "Seit mehr als zwei Jahrzehnten ist die CEU ein kosmopolitisches Biotop in einem Land, das sich zunehmend national verschließt", sagt der emeritierte Professor Pelinka. "Die CEU ist eine internationale Universität, die auf ihre Umgebung ausstrahlt. Das provoziert Widerstand."

Doch so einfach wollten Rektor Ignatieff und sein Kollegium nicht aufgeben. Es gelang ihnen mithilfe eines Abkommens mit einem US-College die Bedingungen der ungarischen Gesetzesnovelle zu erfüllen. In mühevollen Verhandlungen konnten sie eine Übereinkunft mit der ungarischen Regierung erzielen, die es der CEU erlaubt hätte, ihren Betrieb in Budapest aufrechtzuerhalten. Allein, Viktor Orbán weigerte sich, das Abkommen zu unterschreiben, und ließ am 1. Dezember ein Ultimatum ungerührt verstreichen. "Wir sind aus Budapest hinausgeworfen worden", so Ignatieff.

Der CEU blieb nichts anderes übrig, als die Einladung nach Wien anzunehmen. Schon im November hatte Soros bei einem Treffen mit dem österreichischen Bundeskanzler die Pflöcke eingeschlagen. Am Montag besuchte dann eine CEU-Delegation das Wiener Rathaus. Der Bürgermeister versprach, der CEU "ein herzliches Willkommen zu bereiten". Schon im Wintersemester nächsten Jahres sollen 700 der gegenwärtig 1.200 Studenten in Wien unterrichtet werden. Nach dem Vollausbau des Campus sollen es bis zu 1.500 sein.

Doch so offen wie noch bei der ersten ungarischen Drohung sind die Arme der Wiener auch nicht mehr. Seit dem Eintritt der rechtsnationalen FPÖ in eine Regierungkoalition mit der ÖVP hat sich auch das soziale Klima an der blauen Donau geändert. Die FPÖ hegt engen Kontakt mit ihresgleichen in ganz Europa und biedert sich auch bei dem Ungarn Orbán an, indem sie dessen Feindbild George Soros übernahm. Vor Kurzem sagte etwa der freiheitliche Fraktionschef im Parlament, er kenne "stichhaltige Gerüchte", dass der Milliardär "mit viel Kapitalmacht" versuche, in Europa Einfluss zu nehmen.

Den akademischen Zuzug werden die Freiheitlichen nicht verhindern können. Für den großen Prestigegewinn nimmt die Stadt Wien viel Geld in die Hand. Sie wird auf der Baumgartner Höhe, einem großen, parkähnlichen Areal am westlichen Stadtrand, 17 Pavillons, in denen derzeit noch ein Krankenhaus untergebracht ist, aufwendig renovieren lassen. Die Gebäude nebst einem Jugendstiltheater und einer Kirche wurden vor mehr als einem Jahrhundert errichtet.

Der CEU-Standort hat eine schwierige Geschichte. In der Nazi-Zeit befand sich hier eine Euthanasie-Anstalt für Kinder, später, der Ort hieß noch "Steinhof", eine große psychiatrische Krankenanstalt, die regelmäßig für Pflegeskandale sorgte. Wenn man damals in Wien in einer weit gebräuchlichen Redewendung jemanden auf den Steinhof schickte, war das gleichbedeutend mit: "Ab zu den Narren!" Als Universitäts-Campus wird dieser kontaminierte Ort einen neuerlichen Bedeutungswandel erleben: als akademisches Schmuckstück.