Zwei Grad, und als es dunkel wird, fällt der kalte Regen in die ganz gewöhnliche Scheußlichkeit eines deutschen Rathausmarktes, der an diesem Nachmittag vor dem ersten Advent – wie auf deutschen Weihnachtsmärkten üblich – mit braunen Bretterbuden vollgestellt ist und zu jeder seiner vier Seiten von einem Gebäude von ganz eigener brutaler Scheußlichkeit begrenzt wird, dem Rathausgebäude von 1910, dem Kaufhof, dem Peek-&-Cloppenburg-Gebäude und dem Einkaufszentrum Roter Turm, das mit seiner gelben Klinkerfassade und den lächerlichen Zinnen wie eine Playmobil-Ritterburg aussieht.

Die Bürgermeisterin von Chemnitz, Frau Barbara Ludwig, und ihr Bürgermeister für Sicherheit und Ordnung, Herr Miko Runkel, reichen Christstollen in die Menge. Trotz des Regens sind viele Chemnitzer zur Eröffnung des diesjährigen Weihnachtsmarktes gekommen. Das grau-beige-braun gekleidete Rentnervolk – die Stadt hat eine der ältesten Bevölkerungen in Europa – ist praktisch vollständig angetreten. Da stehen auch, nicht ganz weit weg von der Bühne, vier Männer fortgeschrittenen Alters, die, wenn sie auch keine Nazi-Uniform tragen, als Deutsche von rechter Gesinnung zu identifizieren sind (schwarze Kleidung, einer trägt einen Kapuzenpullover der sächsischen Hooligan-Kleidermarke Yakuza). Alle vier haben sich mit vor der Brust verschränkten Armen aufgebaut, demonstrieren so Stärke, Anwesenheit. Jetzt tritt der Reporter zu den Männern hin, stellt eine dezidiert unverfängliche Frage (sinngemäß: Alles klar bei euch in Chemnitz? Freut ihr euch auf Weihnachten?). Die Männer antworten nicht, gucken durch den Reporter durch. Es ist ein enorm aggressives, fast ein handgreifliches Schweigen.

Chemnitz, die verletzte, die aufgeriebene Stadt. Natürlich sind die Menschen in Chemnitz auch einfach vom gewaltigen Medienauftrieb und vom nicht abreißenden Sich-zu-Chemnitz-erklären-Müssen erschöpft. Im nun zu Ende gehenden Jahr 2018 war die nach Leipzig und Dresden drittgrößte sächsische Stadt – mit ihren rund 250.000 Einwohnern ist Chemnitz auch die drittgrößte Stadt in den neuen Bundesländern – ein Zentrum, ein Brennpunkt der deutschen Politik.

Nach dem Mord an einem Deutschkubaner in der Chemnitzer Innenstadt, mutmaßlich durch drei Asylbewerber, war es Ende August und in der ersten Septemberwoche zu Demonstrationen des rechten Mobs, flankiert vom Heer der viel zitierten besorgten Bürger, zu Gewalttaten und Ausschreitungen gekommen. Die Interpretation der Ereignisse – es ging um die Frage, ob in Chemnitz Hetzjagden oder keine Hetzjagden stattfanden und inwieweit ein 5-Sekunden-Video als Beweismittel in dieser Frage taugt – führte die vierte Koalition Merkel in eine veritable Regierungskrise. Die Bilder einer nach rechts gekippten Großstadt gingen von Chemnitz um die Welt. Eine Zeit lang schien es so, als bräche hier das Deutschland hervor, das sie in Berlin zu lange nicht wahrhaben wollten.

Und natürlich, drei Monate nach den Ausschreitungen ist nicht nur die rechtliche Bewertung der Chemnitzer Krawalle längst noch nicht abgeschlossen. In dieser Woche hat das Künstlerkollektiv Zentrum für Politische Schönheit auf der satirischen Seite "Soko Chemnitz" die Fotos von mutmaßlichen Rechtsradikalen ins Netz gestellt ("Gesucht: Wo arbeiten diese Idioten? Denunzieren Sie noch heute Ihren Arbeitskollegen, Nachbarn oder Bekannten und kassieren Sie Sofort-Bargeld"). Ganz klar wird auch bei dieser Aktion nicht, worum es den Berliner Künstlern eigentlich geht, um das Bekämpfen des Rechtsextremismus oder doch eher, was auch nicht ganz verboten wäre, um das Ausstellen und Feiern der eigenen Coolness und Unkonventionalität.

Wie so viele Berliner hatte der Reporter am 3. September das Gegen-rechts-Konzert #wirsindmehr in der Chemnitzer Innenstadt besucht. Nun möchte er die Stadt einmal außerhalb des Ausnahmezustands erleben, sich auf dem Chemnitzer Weihnachtsmarkt umhertreiben, Vertreter der Chemnitzer Zivilgesellschaft treffen und gucken, ob beim Chemnitzer Bürger – warum denn eigentlich nicht? – so etwas wie Besinnung und Besinnlichkeit aufkommt: Oh, du schöne Adventszeit!

Eintritt in die Stadt, vom Bahnhof kommend: Die Plattenbauten hinter dem Opernhaus. Die für ostdeutsche Stadtzentren übliche Mischung aus Asia-Imbissen, Wettbüros, Spielotheken und dem Schnellrestaurant Vapiano. In so einer Umgebung ist dann endlich mal Schluss mit Gentrifizierung und Hipstertum. Es herrscht eine merkwürdig undepressive Stimmung, dafür ist der Plattenbau-Modernismus der DDR zu radikal: Die Ost-Highways Brückenstraße und Straße der Nationen haben fast südamerikanische Dimensionen. Gleich an mehreren Hausfassaden versucht sich die Chemnitzer Bürgergesellschaft mit Parolen der Weltoffenheit zu positionieren: Am Haus der Kunstsammlungen ist in zwanzig Sprachen die ein wenig kläglich wirkende Botschaft "Wir (alle) sind das Volk" ausgehängt. An der Fassade der Industrie- und Handelskammer streckt sich das Banner "Für Demokratie, Weltoffenheit, Toleranz, Rechtsstaatlichkeit". Über das Monument des Karl-Marx-Kopfs haben Chemnitzer Unternehmer die zehn mal zehn Meter große Botschaft "Chemnitz ist weder grau noch braun #wirsindmehr" angebracht. Das war einem auf den Fernsehbildern entgangen: Hinter dem Mahnmal für den ermordeten Chemnitzer Daniel H., dieser Insel aus Grablichtern und verwitterten Blumengestecken, liegen – willkommen in der weltoffenen Stadt Chemnitz – ein Kebab-Stand, eine Sparkasse und die Shisha-Pfeifen-Boutique Chillhouse.

Der Weihnachtsmarkt findet auf den Plätzen Rathausmarkt, Markt, Neumarkt, Jakobikirchplatz und den umliegenden Straßen der Fußgängerzone statt. Am Freitag vor dem ersten Advent sind die Buden gegen ein Uhr Mittag noch geschlossen. Im italienischen Café im Alten Rathaus – es läuft das Merry Christmas-Album von Mariah Carey, der Glühwein heißt hier Vin Brulé – taucht ein großer Mann mit Anorak und Schirmmütze auf: Es ist Gundolf Berger, 63 Jahre alt, Geschäftsführer der Firma Gahlenz für Holzkunst aus dem Erzgebirge, er ist extra aus dem eine halbe Autostunde entfernten Örtchen Oederan angereist. Seine Firma, 1897 gegründet, ist ein Traditionsunternehmen, seit 1982 arbeitet Herr Berger dort, 1992 kaufte er das Unternehmen von der Treuhand. Die Holzschnitzkunst ist der Exportschlager des seit je strukturschwachen Erzgebirges, zu diesem Advent hat Berger Stände auf Weihnachtsmärkten in Erfurt, Dresden, Leipzig und Annaberg, die große Pyramide am Berliner Alexanderplatz stammt von seiner Firma, zuletzt haben seine Angestellten eine Weihnachtspyramide in einem Spielcasino in Colorado aufgebaut.

Herr Berger aus dem Erzgebirge soll jetzt ein wenig von seiner Vorstellung von einem gesegneten Weihnachten erzählen: "Mal den Fernseher auslassen und sich in der Familie unterhalten; sich einen Räuchermann und ein paar Kerzen auf den Tisch stellen: Das ist innere Einkehr." Natürlich sei die Holzschnitzkunst auch eine Antwort auf die schnelle, globalisierte Welt. Herr Berger erzählt nun von der glorreichen Vergangenheit der einst stolzen Industrie- und Arbeiterstadt Chemnitz, dem Energiezentrum der DDR, der Vorzeigestadt des Sozialismus. Dann kommt in Herrn Bergers Erzählung der Absturz und tiefe Fall nach der Wende (Arbeitslosigkeit, Abwanderung). Seine Kinder arbeiten heute in ganz Deutschland und der ganzen Welt, denen könne er schlecht sagen, dass sie zur Hälfte des Gehalts in der Region bleiben sollten. So spricht kein Wutbürger, aber eben doch ein empörter Mann: Bis heute halte in der Großstadt Chemnitz kein ICE, im Jahr 29 nach der Wende gibt es zwischen Chemnitz und Leipzig immer noch keine Autobahnverbindung.