Conchita Wurst interviewen? Das geht nur an den Tagen, an denen Tom Neuwirth "in Maske" ist, so sagt das sein Manager. An Tagen also, an denen er sich verwandelt. So wie an diesem Tag im Herbst, an dem Neuwirth/Wurst in einer Suite eines Wiener Nobelhotels empfängt. Nicht mehr in Kleid und Stöckelschuhen wie beim Eurovision Song Contest (ESC) 2014, bei dem er als Diva mit Vollbart auftrat, erfunden als Statement gegen Diskriminierungen, die Neuwirth aufgrund seiner Homosexualität selbst erfahren hat. Conchitas Botschaft: Aussehen, Geschlecht, Herkunft – all das ist "wurst", jeder Mensch verdient denselben Respekt. Diese Botschaft ist geblieben, genau wie die Langhaarperücke. Doch statt eines Kleides trägt Neuwirth heute Hemd und Hose sowie schwarze Boots statt High Heels. Im Gespräch wird er Linien zeichnen, die zeigen sollen, wie sein Glück und andere Lebenskräfte immer geschwankt haben. Es soll darum gehen, was der Erfolg von Conchita mit ihm gemacht hat – und wie sehr eine Botschaft wie seine zur Vermarktung taugt.

DIE ZEIT: Tom Neuwirth oder Conchita Wurst, wer sind Sie im Moment? Er oder sie?

Tom Neuwirth: Für mich ist das kein Entwederoder. Ich heiße Conchita, und ich heiße Tom. Ich bin sie, und ich bin er. Und auch wenn ich im Moment wieder etwas weniger Conchita bin als früher, werde ich immer Conchita sein. Nur dank Conchita konnte Tom seine Weiblichkeit ausleben; von ihr hat er Höflichkeit, Geduld und Diplomatie gelernt.

"Was ich zu geben habe, ist Liebe. Und die kriegen alle um die Ohren geschnalzt."
Conchita Wurst

ZEIT: Als Conchita sind Sie gerade mit Ihrem zweiten Album auf Tournee, es heißt From Vienna with Love. Liebesbotschaften hört man aus Österreich ja eher selten, seit die rechtspopulistische FPÖ an der Regierung beteiligt ist.

Neuwirth: Die schlechten Entwicklungen sollte man nicht unter den Tisch kehren. Aber es gibt hier viele Menschen, die anders denken als die rechten Parteien. Was ich zu geben habe, ist Liebe. Und die kriegen alle um die Ohren geschnalzt.

ZEIT: Wollen die Leute im Moment denn viel von Ihrer Liebe hören?

Neuwirth: Ich finde schon. Zu Beginn meiner Tour bin ich zu ziemlich guten Nachrichten aufgewacht, das Album hat prompt den ersten Platz in den österreichischen Charts erreicht.

ZEIT: Kurz vor dem Tourstart haben Sie auf Facebook in einem recht traurigen Video aber auch mitteilen müssen, dass fast alle Ihre Konzerte in Deutschland ausfallen. Warum die Absagen?

Neuwirth: Waren es zu viele Termine? Waren die Häuser zu groß? Ich weiß es nicht. Ich kann nur sagen: So eine Tour auf die Beine zu stellen ist wahnsinnig komplex. Ich habe mich bei der Vorbereitung aufs Singen fokussiert – und das muss ich auch, damit ich strahlen kann.

"Mir ist inzwischen fast egal, ob alle mein Album kaufen oder niemand. Mir geht es darum, mich zu verwirklichen."

ZEIT: Nach Ihrem Sieg beim ESC 2014 haben Sie gesagt, der Wettbewerb stoße nur eine Tür auf, drinnen bleiben müsse man selber. Haben Sie Sorge, dass so eine Konzertabsage der Anfang vom Abstieg sein könnte?

Neuwirth: Davor habe ich keine Angst. Mir ist inzwischen fast egal, ob alle mein Album kaufen oder niemand. Ich singe nicht mehr, um damit einen Grammy zu gewinnen, was früher mein erklärtes Ziel war. Mir geht es darum, mich zu verwirklichen. Wenn das nicht reicht, um kommerziell erfolgreich zu ein, dann ist es halt so. In meinem dritten Album werde ich noch mehr davon singen, wer ich bin. Und schon dieses zweite Album ist deutlich authentischer als das erste.

ZEIT: Aber auch dieses Album enthält vor allem Songs anderer Künstler, die Sie interpretieren ...

Neuwirth: ... und die in meinem Leben eine wichtige Rolle spielen! Der Song Colors of the Wind aus dem Disney-Film Pocahontas zum Beispiel. Als Kind habe ich mir immer vorgestellt, den zu singen, während mein Haar im Wind weht. Ich musste mich lange gedulden, aber jetzt ist dieser Traum in Erfüllung gegangen.

ZEIT: Solche Träume mussten Sie damals auf dem Dachboden Ihres Elternhauses träumen, der Ihnen Gesangsstudio und Schutzraum vor den spöttischen Blicken Ihrer Mitschüler war. Wie glücklich war Ihre Kindheit in der steirischen Provinz?

Neuwirth: Ich wurde gehänselt, weil ich weiblicher war als die meisten Jungs. Aber meine Eltern haben mich immer unterstützt, auch wenn ich es ihnen nicht einfach gemacht habe, weil ich nicht war und nicht bin, was die Gesellschaft als – in Anführungsstrichen – normal bezeichnet. Meine Eltern haben mir sehr geholfen, und ich bewundere es, denn die beiden sind Gastwirte in einem 3.000-Seelen-Dorf, und da ist man schon sehr davon abhängig, was die Nachbarn denken.