Ist es nicht typisch für das Zeitalter von Fake-News? Da betritt ein chinesischer Forscher, den keiner kannte, durch die Tapetentür die Weltbühne und rühmt sich, das gesammelte biotechnische Wissen zur Anwendung gebracht zu haben, mit traumhafter Präzision und minimaler Fehlerquote. Und was ist das Ergebnis? Das Ergebnis ist Nichtwissen, Rätselraten, Unsicherheit. Hat He Jiankui die Zwillingsschwestern Lulu und Nana genetisch wirklich so verändert, dass sie gegen Aids immun sind? Oder ist es die Science-Fiction-Science eines Scharlatans?

Wie immer es sich verhält, die Öffentlichkeit weiß nun, was gentechnisch alles möglich sein könnte, wenn nicht jetzt, dann in naher Zukunft. Sie muss zur Kenntnis nehmen, dass die Logik der Biowissenschaft keine innere ethische Grenze kennt und dass auf ihre Selbstregulierung kein Verlass ist. Sie weiß jetzt, dass der Wille, die Gentechnik am ungeborenen Menschen auszuprobieren, nur auf seine Selbstverwirklichung gewartet hat.

Lebenswissenschaftler tragen ihren Namen also völlig zu Recht. Sie werden künftig nicht mehr bloß neugierig im Buch des Lebens blättern, sie werden es lektorieren, redigieren und umschreiben können. Mit der Genschere Crispr haben sie ein Instrument in der Hand, um den Text der Evolution selbst zu verändern. Wir stehen, schreibt die amerikanische Molekularbiologin Jennifer Doudna, "an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter, in dem wir die Herren über die genetische Ausstattung allen Lebens sein werden". Doudna muss es wissen. Sie hat die Genschere Crispr mitentdeckt.

Nun läuft die Wirklichkeit der Fantasie davon, denn He Jiankui hat es geschafft, kulturelle Urängste buchstäblich zum Leben zu erwecken. Doch warum löst sein Menschenexperiment einen regelrechten Schwindel aus, einen metaphysischen Schauder? Der Schock besteht darin, dass ein Forscher zum ersten Mal in der Geschichte etwas Ungeheures getan hat: Er hat in den pränatalen Anfang eines Menschenlebens eingegriffen und ihn neu programmiert. He Jiankui hat die Grenze zwischen Gewachsenem und Gemachtem überschritten, die Grenze zwischen dem genetischen Zufall der Natur und einem vom Menschen hergestellten Gegenstand. Auch wenn es über Menschenbilder immer uferlos Streit gab, so war doch eines unstrittig: Der Mensch ist keine Sache; die Würde der Person und die Unverfügbarkeit ihrer innersten Natur bilden eine unauflösliche Einheit. Genau das ist nun Geschichte. He Jiankui ("Jeder verdient es, frei von Erbkrankheiten zu leben") ist der Designer von Zwillingsmädchen; ein Teil ihrer Gensubstanz ist sein Produkt, auch die möglichen Programmierfehler, die dann vererbt würden. Gewiss, Lulu und Nana könnten im Nachhinein ihre Zustimmung zu ihrer genetischen Veränderung geben. Und falls nicht?

"Wie wir mit menschlichem Leben vor der Geburt umgehen", schreibt Jürgen Habermas in seinem Buch Die Zukunft der menschlichen Natur, "berührt unser Selbstverständnis als Gattungswesen." Zum Glück, muss man sagen, zeigt sich die erdrückende Mehrheit der Forschergemeinde nach dem Menschenexperiment aufrichtig schockiert; der Nobelpreisträger David Baltimore, ein Doyen der Genforschung, spricht gar vom "Versagen" seiner Zunft. Und die chinesische Regierung scheint fest entschlossen, dem Embryonen-Designer He Jiankui das Handwerk zu legen. Das ist beruhigend.

Beunruhigend dagegen ist der Umstand, dass in China gerade zwei Entwicklungen, besser gesagt: zwei Revolutionen parallel vorangetrieben werden. Neben der gentechnischen Revolution plant die Regierung ein revolutionäres Überwachungsregime, das die Datenspuren eines jeden Bürgers lückenlos erfassen und auswerten soll. Das Projekt, das sich derzeit in der Erprobung befindet, nennt sich verharmlosend Sozialkreditsystem, tatsächlich handelt es sich um das vermutlich größte Experiment am Gesellschaftskörper, das je veranstaltet wurde. Wenn es so weit ist, dann eröffnet der chinesische Staat für jeden seiner Bürger ein Punktekonto zur persönlichen Daseinsbewirtschaftung. Lobt der Inhaber zum Beispiel die Regierung oder zahlt pünktlich seine Miete, dann schnellt die Punktezahl nach oben, und der brave Bürger wird belohnt. Anders im Fall erwiesenen Fehlverhaltens: Beschwert sich ein Bürger über die Regierung, vernachlässigt er seine familiären Pflichten oder betet in einer verbotenen Religionsgemeinschaft zum falschen Gott, dann gibt es Punkteabzug und Strafen bis hin zur sozialen Ächtung.

Die Phantasmen der Menschensteuerung

Crispr - So funktioniert das neue Universalwerkzeug der Gentechnik Günstig, leicht zu handhaben und enorm effektiv: Crispr revolutioniert die Gentechnik. Das Erbgut aller Lebewesen lässt sich damit beliebig formen, wie das Video zeigt.

Allerdings, trotz dieser Totalkontrolle wird der Staat noch böse Überraschungen erleben. Menschen sind nun einmal aus krummem Holz geschnitzt, sie sind geborene Risikofaktoren und machen notorisch Ärger. Immer wieder kommt es zu Störungen im sozialen Betriebsablauf; die innere Natur hat ihre Mucken, sie ist systemisch dysfunktional und bleibt eine stete Quelle staatlichen Argwohns. Zynisch gesagt: Mag das Sozialkreditsystem auch perfekt sein, so gibt es in der Gesellschaft immer noch zu viele nutzlose Träumer, zu viele Defizitmenschen, Minderleister und Lebensversager. Das menschliche Subjekt ist eine Blackbox. Darin steckt viel Delinquenz und viel Unerlaubtes. Wer kann das schon erkennen?

Viel Fantasie braucht man nicht, um sich vorzustellen, welch magische Anziehungskraft das Human-Genome-Editing auf staatliche Kontrollorgane ausüben wird. Es könnte die chinesische Regierung auf die Idee bringen, die Effizienz der kollektiven Menschenführung noch einmal zu steigern und das Sozialdatensystem gleichsam arbeitsteilig mit den neuen gentechnischen Möglichkeiten zu kombinieren. Staatliche Sozialingenieure könnten Gefallen an der Vorstellung finden, die störrische Menschennatur durch eine zarte gentechnische Redigatur systemfreundlich auszugestalten, um abweichendes Verhalten schon im Vorfeld in den Griff zu bekommen.

Um sich diese Art Biopolitik einmal dramatisierend auszumalen: Während das Sozialkreditsystem durch Internet-Überwachung die äußere Natur der Bürger disziplinierte, würden staatliche Programmierer im biologischen Vorfeld tätig, auf dem Feld der inneren Natur, der genetischen Grundausstattung der Gesellschaftsmitglieder. In präventiver Sorge um das Gemeinwohl würden sie mithilfe der Genschere passende Immunpakete zurechtschneiden; sie könnten die kognitive Performance der Bürger verbessern, die allgemeine Leistungsbereitschaft steigern und sozial nutzlose Affektüberschüsse aussteuern.

Durch gezieltes Gen-Dressing ließe sich auch eine Elite hochwertiger Leistungsträger herstellen, denen eine Klasse naturbelassener Standardarbeiter gegenüberstünde. Das allerdings wäre der letzte Schritt in eine autoritäre Eugenik: Crispr würde nicht mehr nur negativ, also beim Kampf gegen schwere Leiden, eingesetzt, sondern zur positiven Merkmalsveränderung. Der Staat bastelt sich seine Wunschkinder und synchronisiert System und Subjekt. Für Eltern, die ihre Nachkommen freiwillig einem gentechnischen Upgrade unterziehen, gibt es Bonuspunkte.

Damit kein Missverständnis aufkommt – das ist Science-Fiction; es gibt keinen Doppelangriff aus digitaler Überwachung und genetischer Manipulation, und die Idee, man könne mithilfe von Crispr den maßgeschneiderten Staatsbürger herstellen, entbehrt derzeit jeder wissenschaftlichen Grundlage. Im Übrigen verbieten die chinesischen Gesetze die Menschenzüchterei, wenngleich, wie die FAZ einmal süffisant bemerkte, "China zu jenen Ländern gehört, in denen die Gesetze nicht gemacht wurden, um eine gezielte Veränderung des menschlichen Genoms kategorisch auszuschließen". Unterhalb gesetzlicher Regelungen aber wuchern die biopolitischen Fortschrittsfantasien, und prominente Kognitionswissenschaftler wie Steven Pinker empören sich darüber, dass moralisierende Konservative und kulturkritische Linke es wagen, am Segen der gentechnischen Menschenverbesserung zu zweifeln. Der Biokapitalismus mit seiner Life-Science-Industrie giert nach neuen Absatzgebieten und hat im Post- und Transhumanismus seine Leitideologie gefunden – durchaus denkbar, dass Privatfirmen irgendwann jene Sozialkontrolle übernehmen, die in China staatlich organisiert werden soll. Die Vermessung der äußeren Natur ist abgeschlossen, nun geht es an die Bearbeitung der inneren.

Es sind die Phantasmen der Menschensteuerung, die die erwähnte Jennifer Doudna alarmieren. Bis in ihre Träume, schreibt sie, verfolge sie der Horror, dass Crispr nicht zu therapeutischen, sondern zu machtpolitischen Zwecken eingesetzt wird – und dass ausgerechnet sie es war, die den Regierungen dieses zum Missbrauch einladende Werkzeug in die Hand gegeben hat (Eingriff in die Evolution, Springer Verlag). Sie hat recht. Niemand kann sich auf den schicksalhaften Selbstlauf der Evolution herausreden, die Art und Weise, wie Crispr eingesetzt wird, folgt allein politischen Vorgaben: Man kann Nein sagen. Sollte sich die Staatengemeinschaft also nicht dazu durchringen, die Menschenbastelei zu verbieten, dann wäre das Human-Genome-Editing in Kombination mit digitaler Totalüberwachung der Schritt in eine neue Epoche, in eine posthumane Moderne. Nicht nur, dass die biotechnische Erzeugung neuer Menschenklassen die Einheit der Gattung zerstört; in den Formen der dann möglichen Menschenbeherrschung würde auch etwas Uraltes wiederkehren: die Sklavenhaltergesellschaft.

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