Crispr - So funktioniert das neue Universalwerkzeug der Gentechnik Günstig, leicht zu handhaben und enorm effektiv: Crispr revolutioniert die Gentechnik. Das Erbgut aller Lebewesen lässt sich damit beliebig formen, wie das Video zeigt.

Allerdings, trotz dieser Totalkontrolle wird der Staat noch böse Überraschungen erleben. Menschen sind nun einmal aus krummem Holz geschnitzt, sie sind geborene Risikofaktoren und machen notorisch Ärger. Immer wieder kommt es zu Störungen im sozialen Betriebsablauf; die innere Natur hat ihre Mucken, sie ist systemisch dysfunktional und bleibt eine stete Quelle staatlichen Argwohns. Zynisch gesagt: Mag das Sozialkreditsystem auch perfekt sein, so gibt es in der Gesellschaft immer noch zu viele nutzlose Träumer, zu viele Defizitmenschen, Minderleister und Lebensversager. Das menschliche Subjekt ist eine Blackbox. Darin steckt viel Delinquenz und viel Unerlaubtes. Wer kann das schon erkennen?

Viel Fantasie braucht man nicht, um sich vorzustellen, welch magische Anziehungskraft das Human-Genome-Editing auf staatliche Kontrollorgane ausüben wird. Es könnte die chinesische Regierung auf die Idee bringen, die Effizienz der kollektiven Menschenführung noch einmal zu steigern und das Sozialdatensystem gleichsam arbeitsteilig mit den neuen gentechnischen Möglichkeiten zu kombinieren. Staatliche Sozialingenieure könnten Gefallen an der Vorstellung finden, die störrische Menschennatur durch eine zarte gentechnische Redigatur systemfreundlich auszugestalten, um abweichendes Verhalten schon im Vorfeld in den Griff zu bekommen.

Um sich diese Art Biopolitik einmal dramatisierend auszumalen: Während das Sozialkreditsystem durch Internet-Überwachung die äußere Natur der Bürger disziplinierte, würden staatliche Programmierer im biologischen Vorfeld tätig, auf dem Feld der inneren Natur, der genetischen Grundausstattung der Gesellschaftsmitglieder. In präventiver Sorge um das Gemeinwohl würden sie mithilfe der Genschere passende Immunpakete zurechtschneiden; sie könnten die kognitive Performance der Bürger verbessern, die allgemeine Leistungsbereitschaft steigern und sozial nutzlose Affektüberschüsse aussteuern.

Durch gezieltes Gen-Dressing ließe sich auch eine Elite hochwertiger Leistungsträger herstellen, denen eine Klasse naturbelassener Standardarbeiter gegenüberstünde. Das allerdings wäre der letzte Schritt in eine autoritäre Eugenik: Crispr würde nicht mehr nur negativ, also beim Kampf gegen schwere Leiden, eingesetzt, sondern zur positiven Merkmalsveränderung. Der Staat bastelt sich seine Wunschkinder und synchronisiert System und Subjekt. Für Eltern, die ihre Nachkommen freiwillig einem gentechnischen Upgrade unterziehen, gibt es Bonuspunkte.

Damit kein Missverständnis aufkommt – das ist Science-Fiction; es gibt keinen Doppelangriff aus digitaler Überwachung und genetischer Manipulation, und die Idee, man könne mithilfe von Crispr den maßgeschneiderten Staatsbürger herstellen, entbehrt derzeit jeder wissenschaftlichen Grundlage. Im Übrigen verbieten die chinesischen Gesetze die Menschenzüchterei, wenngleich, wie die FAZ einmal süffisant bemerkte, "China zu jenen Ländern gehört, in denen die Gesetze nicht gemacht wurden, um eine gezielte Veränderung des menschlichen Genoms kategorisch auszuschließen". Unterhalb gesetzlicher Regelungen aber wuchern die biopolitischen Fortschrittsfantasien, und prominente Kognitionswissenschaftler wie Steven Pinker empören sich darüber, dass moralisierende Konservative und kulturkritische Linke es wagen, am Segen der gentechnischen Menschenverbesserung zu zweifeln. Der Biokapitalismus mit seiner Life-Science-Industrie giert nach neuen Absatzgebieten und hat im Post- und Transhumanismus seine Leitideologie gefunden – durchaus denkbar, dass Privatfirmen irgendwann jene Sozialkontrolle übernehmen, die in China staatlich organisiert werden soll. Die Vermessung der äußeren Natur ist abgeschlossen, nun geht es an die Bearbeitung der inneren.

Es sind die Phantasmen der Menschensteuerung, die die erwähnte Jennifer Doudna alarmieren. Bis in ihre Träume, schreibt sie, verfolge sie der Horror, dass Crispr nicht zu therapeutischen, sondern zu machtpolitischen Zwecken eingesetzt wird – und dass ausgerechnet sie es war, die den Regierungen dieses zum Missbrauch einladende Werkzeug in die Hand gegeben hat (Eingriff in die Evolution, Springer Verlag). Sie hat recht. Niemand kann sich auf den schicksalhaften Selbstlauf der Evolution herausreden, die Art und Weise, wie Crispr eingesetzt wird, folgt allein politischen Vorgaben: Man kann Nein sagen. Sollte sich die Staatengemeinschaft also nicht dazu durchringen, die Menschenbastelei zu verbieten, dann wäre das Human-Genome-Editing in Kombination mit digitaler Totalüberwachung der Schritt in eine neue Epoche, in eine posthumane Moderne. Nicht nur, dass die biotechnische Erzeugung neuer Menschenklassen die Einheit der Gattung zerstört; in den Formen der dann möglichen Menschenbeherrschung würde auch etwas Uraltes wiederkehren: die Sklavenhaltergesellschaft.

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