Was ist das für ein Himmelsleuchten? Und wo sind die Hirten? Eine Schafherde auf Nachtwanderung © Jörg Mühle/Carlsen Verlag

Es gibt Geschichten, an denen kommt man im Dezember einfach nicht vorbei. Ganz weit vorne: die Weihnachtsgeschichte. Nach Lukas oder nach Matthäus, als Kanzelpredigt oder Schulaufführung. Im Internet analysiert von einer Fachanwältin für Familienrecht, einem Psychotherapeuten und einem Immobilienmakler. Geschildert aus der Sicht des Herbergsvaters, des Engels, des Esels oder des Ochsen. Wen vergessen? Ach ja, die Schafe. Auch über deren Erlebnisse in der besonders hellen Nacht vor etwa 2018 Jahren liegen schon etliche Berichte vor. Jetzt noch einer mehr: Der Schriftsteller und Regisseur Ulrich Hub knüpft an seinen Erfolg mit An der Arche um acht an und hat sich wieder eine bibelnahe Tiergeschichte ausgedacht. In Das letzte Schaf erzählt er die Heilige Nacht aus der Perspektive der von ihren Hirten allein gelassenen Herde.

Wer hinter dieser Neufassung eines sehr alten Plots nur cleveres Jahresendzeit-Marketing wittert, wird angenehm enttäuscht: Das letzte Schaf, von Jörg Mühle pointensicher illustriert und für Leseanfänger groß gedruckt, ist eine extrem unterhaltsame Geschichten für kindliche Gemüter. Stringent aufgebaut, mit perfektem Gag-Timing und einem herzerwärmend dusseligen Ensemble.

In den Hauptrollen: ein Schaf mit Schnupfennase, ein Schaf mit Seitenscheitel, ein Schaf mit Gipsbein, ein Schaf mit Mütze, ein Schaf mit Augenklappe, ein Schaf mit Zahnspange und natürlich das letzte Schaf, ein ewig skeptischer und depressiver Einzelgänger. Macht zusammen sieben – eine einfache Abzähl-Aufgabe, an der die Herde aber kläglich scheitert. Denn: "Leider haben Schafe eine kleine Rechenschwäche. Sie besitzen auch keine Finger, die sie heimlich zur Hilfe nehmen könnten."

Wenn man nicht weiß, wie viele man ist, gerät man leicht in Schwierigkeiten, das wissen wir spätestens seit Richard David Precht, und das erfahren auch Ulrich Hubs Schafe. Nachdem ihnen eine zickige Ziege erklärt hat, wieso ihre Hirten weg sind, machen sie sich noch in der Dunkelheit auf den Weg. Auch sie wollen das supersüße Baby sehen, das angeblich in einem Futtertrog liegt und ganz sicher ein Mädchen ist – von wegen lockiges Haar.

Voller Vorfreude hoppeln sie über die steinigen Pfade hinter ihrem Feld und verlieren dabei mangels Mathekenntnissen immer wieder Überblick und Richtung, hin- und hergerissen zwischen den verinnerlichten Botschaften ihrer Hirten (immer schön zusammenbleiben, kein Schaf darf verloren gehen) und der allzu großen Lust auf Leckerlis.

Ulrich Hub erzählt die Suche der sieben nach dem Christkind als temporeiche Nachtwanderung; seine sehr menschlichen Schafe sind im einen Moment selig und im nächsten panisch, gerade noch selbstzufrieden und kurz darauf beleidigt, abwechselnd knallhart und sentimental, meist liebesbedürftig und immer sehr, sehr lustig. Selbst dann, wenn eines plötzlich weinen muss, weil es seine Hirten so vermisst: "Man fängt doch nicht vor der ganzen Herde zu heulen an! Aber das mit dem Seitenscheitel ist sowieso peinlich. Es wird als einziges noch jeden Morgen von den Hirten gekämmt. Die anderen lassen sich längst nicht mehr in ihre Frisuren reinreden."

Mühelos passt Hub die biblische Geschichte dem Humorhorizont seiner sechs- bis zehnjährigen Leser an. Aber auch mit- und vorlesende Erwachsene kommen auf ihre Kosten, zum Beispiel wenn dem Schaf mit dem schönen Scheitel in der Hektik doch die Frisur verrutscht: "Dem Baby ist doch völlig egal, wie wir aussehen", keucht es. "Neugeborene sehen sowieso alles auf dem Kopf und spiegelverkehrt."

Wissenschaftlich ist das zwar nicht haltbar, trotzdem verbergen sich unter der klamaukigen Oberfläche dieser Weihnachtsparodie ein paar zu jeder Jahreszeit nützliche Erkenntnisse. So ist es nicht wirklich schlimm, dass die Schafe die frohe Botschaft missverstanden haben, auch wenn sie sich im Nachhinein dafür schämen. Auch dass sie erst an der Krippe eintreffen, als das Baby schon weg und der ganze Rummel vorbei ist, macht eigentlich nichts. Denn unterwegs hat die Herde nicht nur den unvermeidlichen Showdown mit dem Wolf überlebt und nebenbei das berühmteste Weihnachtslied aller Zeiten erfunden. Sie ist durch die überstandenen Abenteuer auch zu einer Gemeinschaft zusammengewachsen, an der die Hirten, die, zurück auf dem Feld, längst mit neuen Leckerlis auf ihre Schützlinge warten, ihre Freude haben werden.

Und das letzte Schaf, das die anderen die ganze Zeit mit seinem Gemecker genervt hat? Seit der Begegnung mit dem Wolf hat es die Solidarität der Gruppe und ihre wollige Wärme zu schätzen gelernt. Genau wie sein Erfinder weiß es, wie man eine Geschichte richtig erzählt – und rettet so am Ende den Ruf der Herde: "Wir haben zwar ein großes Ereignis verpasst – aber das muss ja nicht gleich die ganze Welt erfahren, oder? Sobald uns jemand fragt, wie es in dem berühmten Stall gewesen ist, sagen wir einfach" – mit verklärtem Blick schaut es in den Himmel: "Man kann es nicht mit Worten beschreiben."

Ulrich Hub: Das letzte Schaf. Mit Bildern von Jörg Mühle; Carlsen Verlag 2018; 80 S., 13,– €; ab 6 Jahren