Der Chef der Deutschen Bank ist gerade einmal acht Monate im Amt, da stellt sich die Frage, ob er die Sache falsch angefangen hat. In seinem Brief an die Mitarbeiter zu seinem Antritt im April hatte Christian Sewing sie aufgefordert, "die Jägermentalität" zurückzugewinnen. Kämpferisch klang das, auch ein bisschen (aber nicht allzu!) gefährlich. Er wollte seinen Bankern wohl zu verstehen geben, dass die neue Führung endlich wieder ans Geschäft denken will, nicht nur daran, Kosten zu drücken und die Mitarbeiter zu kontrollieren.

Die schlimmsten Dinge der Vergangenheit haben wir abgearbeitet, jetzt blicken wir nach vorn, das war die Botschaft. Viele fanden das gut: die Mitarbeiter, auch die Investoren, die endlich wieder ordentlich Gewinn sehen wollen.

Wenn man allerdings knapp acht Monate später Sewings Worte noch einmal nachliest, klingen sie seltsam ironisch. Denn am vergangenen Donnerstag standen Polizei und Staatsanwaltschaft vor der Tür. 170 Beamte durchsuchten verschiedene Gebäude der Deutschen Bank, darunter auch die Doppeltürme in Frankfurt. Sogar die Vorstandsbüros, inklusive Sewings Büro. Es geht um Geldwäsche in Steuerparadiesen, unter anderem auf den Britischen Jungferninseln. Zwei Mitarbeiter der Deutschen Bank stehen im Verdacht, Kunden geholfen zu haben, Offshore-Gesellschaften zu gründen, und dabei nicht früh genug Geldwäscheverdächtige angezeigt zu haben. Sewings Satz vom April "Wir sollten uns weniger auf uns selbst, sondern vielmehr auf unsere Kunden konzentrieren" liest sich mit diesem Wissen ziemlich unglücklich – auch wenn er es sicher so nicht gemeint hat. Zumal es um Vorgänge geht, die in einer Zeit lagen, bevor er seinen Brief schrieb.

Fest steht seit Donnerstag jedenfalls, dass der Neuanfang der Deutschen Bank unter Sewing genauso schwierig wird, wie es die Kritiker der Bank vermutet hatten. Der Aktienkurs steht mittlerweile bei knapp acht Euro, das ist ein Drittel weniger als zu Sewings Amtsantritt. Das liegt nicht vorrangig an Sewing, sondern vor allem daran, dass es offenbar sehr schwierig ist, ein Haus wie die Deutsche Bank bis ins letzte Büro zu kontrollieren. Ständig gelangt irgendwo etwas an die Oberfläche.

Sewing steht vor einem Steuerungsproblem. Und vor sich widersprechenden Anforderungen: Einerseits soll er den Laden in den Griff bekommen, was nur autoritär und mit Kontrolllust gelingt. Andererseits soll er das spielerische Vergnügen, dem Geschäft nachzujagen, wieder wecken, damit der Wert der Bank steigt. Er soll also die Jäger losschicken – und gleichzeitig stets dafür sorgen, dass sie auch nicht zu häufig schießen oder gar das falsche Wild. Jäger lassen sich aber nicht so gern zu stark kontrollieren, da gehen sie lieber.

Sewing steckt also in einem Dilemma, das er nur dann halbwegs auflösen kann, wenn er neu auftauchende Grenzübertritte möglichst schnell aufklärt. Immer wieder geht es dabei um Geldwäsche, einen Vorwurf, der lange Zeit nicht sehr ernst genommen wurde, weil er nicht sehr hart verfolgt wurde. Das ist seit einigen Jahren anders. Der Finanzexperte der Grünen, Gerhard Schick, findet diesen Bewusstseinswandel gut. Zwar sei es unmöglich, als globale Bank mit Geldwäsche gar nicht in Berührung zu kommen. Aber manche Finanzplätze, an denen es nur darum gehe, Geld zu verstecken, könne sogar eine globale Bank einfach ganz meiden. "Von den Britischen Jungferninseln sollte man sich fernhalten", sagt Schick.

Um Geschäfte auf genau diesen Inseln geht es bei der Untersuchung der Frankfurter Staatsanwaltschaft. Die Deutsche Bank hatte dort ein Tochterunternehmen mit über 900 Kunden, das mittlerweile verkauft ist. Kunden auf den Britischen Jungferninseln zu haben ist natürlich nicht per se illegal; auch ist es nicht illegal, eine Zweckgesellschaft mit Fantasienamen zu gründen, wie es offenbar viele der Kunden taten; und es ist auch nicht illegal, als Bank mit solchen Zweckgesellschaften Geschäfte zu machen. Jedoch muss jede Bank bei hinreichendem Verdacht ihre Kunden genau prüfen. Weil sie oft selbst nicht genau weiß, wer oder was hinter den Konstruktionen und Firmen steht, mit denen sie Geschäfte macht, muss sie aktiv recherchieren – und gegebenenfalls Anzeige erstatten, wenn sie Geldwäsche vermutet.