Schmerzhafte Wassereinlagerungen in den Beinen, bleierne Müdigkeit, Atemnot: Wenn die Nieren versagen, geht es ums Überleben. Hans Müller* musste diese Erfahrung im Juni 2018 machen.

Wegen einer Blutung kommt der 87-Jährige ins Krankenhaus zur Darmspiegelung. Die verläuft problemlos. Aber danach entzündet sich eine Vene am linken Unterarm, die Infektion breitet sich in die Lungen aus. Müllers Kreislauf bricht zusammen. Beide Nieren werden nicht mehr richtig durchblutet und stellen allmählich ihren Dienst ein. Ein lebensbedrohlicher Zustand.

Die Nieren filtern Abfallprodukte des Stoffwechsels aus dem Blut und entsorgen diese mit dem Urin. Fallen sie aus, startet der Körper ein Notfallprogramm, er lagert Abbauprodukte des Stoffwechsels und Wasser im Gewebe ab und vergiftet sich dadurch auf Dauer selbst. Drei Wochen, länger kann ein Mensch ohne seine Nieren nicht überleben. Doch so weit kommt es bei Müller zum Glück nicht: Die Antibiotika schlagen an, die Infektion klingt ab. Blut strömt wieder durch seine Nieren, sie nehmen ihre Arbeit wieder auf. Müller schafft es zurück ins Leben.

Darüber kann sich der lebensfrohe Witwer aber nur kurz freuen. Denn was passiert ist, könnte sich wiederholen, und zwar bald. Schon lange leidet der Vater von vier Kindern an einer chronischen Nierenerkrankung. Gesunde Nieren besitzen Millionen winziger Filtereinheiten, die sogenannten Nephronen. Pro Tag fließt das Blut mehr als 300-mal durch dieses kilometerlange Röhrensystem – 1500 Liter werden dabei gereinigt. Verschiedene Ursachen können dazu führen, dass die Röhrchen allmählich vernarben und der Blutfilter verstopft. Es ist ein Prozess, der sich nur schwer aufhalten und nicht wieder rückgängig machen lässt.

Müller hat die Krankheit bereits mehr als 40 Jahre. Bei ihm ließ stark erhöhter Blutdruck das Nierengewebe nach und nach vernarben. Vor dem akuten Kollaps bewältigten die Organe noch 20 Prozent der Filterleistung eines Gesunden. Danach erreichen sie zwar ungefähr wieder denselben Wert, leider ist das aber kein Grund zur Entwarnung. Die Filterleistung droht unter zehn Prozent zu rutschen. Dann würden Symptome wie Atemnot und Übelkeit so stark zunehmen, dass gehandelt werden müsste. "Terminales Nierenversagen" nennen es die Ärzte. Höchste Zeit, sich darauf vorzubereiten.

Noch im Krankenhaus bittet Ute Hoffmann ihren Patienten um ein Gespräch. Hoffmann ist stellvertretende Chefärztin für Innere Medizin und Geriatrie des Krankenhauses Barmherzige Brüder in Regensburg. Sie hat sich auf Nierenerkrankungen bei älteren Menschen spezialisiert. Jüngeren würde Hoffmann jetzt eine sogenannte Ersatztherapie empfehlen: Sie erhalten eine künstliche Blutwäsche, die Dialyse, oder es wird eine Spenderniere verpflanzt. Aber sind das die richtigen Wege für den 87-Jährigen? Die Ärztin hat Zweifel. Sie spricht noch eine dritte Möglichkeit an: die konservative Therapie.

Wie Ärzte hochbetagte Menschen mit chronischen Nierenerkrankungen im Endstadium behandeln sollten, sorgt in Fachkreisen gerade für Diskussionen. Eine Transplantation kommt nur selten infrage: Meist sind die Patienten körperlich zu schwach und würden die Operation nicht überstehen. Außerdem fehlt es an Spendernieren. Die Wahl besteht deshalb zwischen einer konservativen Therapie und der Dialyse. Auf den ersten Blick ist die Dialyse überlegen. Sie ersetzt das kranke Organ, die Symptome verschwinden zügig. Wenn die Nieren überhaupt keinen Urin mehr bilden, rettet die Blutwäsche Leben.

Trotz dieser Vorteile haben Forscher vor gut zehn Jahren damit begonnen, die Wirkung der Therapie auf alte Menschen genauer zu untersuchen. Leider fielen die Ergebnisse schlecht aus: Viele bauen im Zuge der Behandlung massiv körperlich und geistig ab. Ihre Gebrechlichkeit nimmt zu, Entzündungswerte schießen in die Höhe. Sind Patienten über 80 und leiden neben ihrer Nierenkrankheit an Diabetes, einer Lungen- oder einer Herzerkrankung, stirbt mehr als die Hälfte von ihnen ein Jahr nach Beginn der Dialyse. Diese Resultate weckten bei vielen Ärzten und Wissenschaftlern schwerwiegende Zweifel. Könnte der Verzicht auf die Apparatemedizin für alte Patienten nicht den besseren und vor allem würdevolleren Lebensabend bedeuten? Diese Überlegung brachte die zweite Behandlungsoption wieder auf den Plan, die lange kaum eine Rolle mehr gespielt hatte.